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National

„Egotrip auf Bengalo!“ – HSV mit offenem Brief an die Anhänger

Autor: peter Veröffentlicht: 01. April 2014
Quelle: imago

Beim vergangenen Auswärtsspiel gegen Borussia Mönchengladbach haben einige HSV-Anhänger mehrmals Pyrotechnik gezündet (fanzeit berichtete). Höchstwahrscheinlich wird diese Aktion die Vereinskasse wieder stark belasten, für den sportlich kriselnden Hamburger SV keine gute Nachricht.

Der HSV-Vorstand, die HSV-Fanbetreuung und der HSV Supporters Club wenden sich nun in einem offenen Brief an die „Zündler“ und an Pyro-Gegner. Der Bundesliga-Dino bezieht in dem Schreiben „eine klare Position“ gegen Pyrotechnik und erklärt ausdrücklich: „Wir sind gegen den Einsatz von Pyrotechnik im Stadion. Nicht nur weil Pyrotechnik verboten ist, denn das ist so. Wir halten den Einsatz für gefährlich und schädlich für die vielen Menschen in den Blöcken und für nicht kontrollierbar. Wir halten diejenigen, die Pyrotechnik einsetzen nicht für Verbrecher oder Gewalttäter, aber wir halten sie für egoistisch und rücksichtlos“, heißt es in der Stellungnahme auf www.hsv-sc.de.

Nachfolgend die Stellungnahme in Wort:

Gemeinsamer Abstiegskampf mit Herz und Würde und nicht als Egotrip auf Bengalo!

Beim Auswärtsspiel in Gladbach war es wieder soweit. Dreimal hat es zu Beginn und während des Spiels in der Kurve gebrannt und geraucht. Und damit brannte es seit Beginn der Rückrunde in jedem Spiel: in Hoffenheim, in Braunschweig, in Bremen, in Stuttgart und eben in Mönchengladbach. Übrigens alles Spiele, die wir verloren haben. Null Punkte. Aber die Zündelbilanz war immerhin positiv. Toll.

Deswegen haben wir an diejenigen, die dafür verantwortlich sind, ein paar Fragen.

Glaubt ihr daran, dass der Einsatz eures Lieblingsspielzeuges „Pyrotechnik“ in der Kurve dazu führt, Pyrotechnik zu legalisieren?

Glaubt ihr daran, dass Bengalos, der Fanszene, dem Verein, der Mannschaft oder euren Idealen irgendwie nützlich ist?

Glaubt ihr daran, dass es wichtig ist, wenn andere Szenen zünden, auch zu zünden?

Glaubt ihr daran, dass euer Zündeln wirklich ohne Konsequenzen bleibt?

Glaubt ihr daran, dass die Mehrheit der Fans hinter euch steht?

Glaubt ihr daran, dass der Einsatz von 1000 Grad heißen Fackeln und selbst gebastelten Rauchbomben in einem engen Block ungefährlich ist?

Glaubt ihr daran, dass es dem HSV nicht wehtut, wenn er bis zu sechsstellige Geldstrafen für das Fackeln seiner Fans zahlt?

Glaubt ihr an den Weihnachtsmann?

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Wenn ihr alle Fragen mit „ja“ beantwortet, dann seid ihr …. Tja, was? Naiv? Auf Egotrip?

An diejenigen, deren Ratschläge im Umgang mit dem Phänomen „Pyrotechnik“ uns nach jedem Vorfall ereilen, haben wir auch ein paar Fragen. Damit meinen wir jetzt aber nicht diejenigen, die ernsthaft behaupten, der Vorstand, der SC oder die Fanbetreuung würden mit den Zündlern unter einer Decke stecken. Sondern wir wenden uns an diejenigen, die sich wie wir ernsthaft Gedanken machen, wie man dieses Problem am besten angeht und löst.

Glaubt ihr daran, dass die Fachleute aller Vereine und Verbände nicht alles Mögliche versuchen, um die Problematik in den Griff zu bekommen?

Glaubt ihr daran, dass man bei Pyrovergehen mit Mengen an Ordnern und Polizisten in volle Blöcke gehen sollte, um Zündler zu verhaften?

Glaubt ihr, dass die Zündler Verbrecher sind?

Glaubt ihr daran, dass die Fanbetreuer, ehrenamtliche aktive Fans oder andere Vertrauenspersonen der Fanszene Zündler überführen und der Polizei nennen sollten ohne dass sie erheblich Vertrauen einbüßen?

Glaubt ihr daran, dass man trotz Kontrollen am Eingang nichts in eine Stadion oder einen Block hineinschmuggeln kann?

Glaubt ihr daran, dass es richtig ist, alle Fans zu bestrafen, wenn man keine verantwortlichen Einzeltäter erwischt?

Glaubt ihr an einfache Lösungen in diesen Fragen?

Glaubt ihr an den Weihnachtsmann?

Wenn ihr alle Fragen mit ja beantwortet, dann seid ihr … Tja, was? Naiv? Besserwisser?

Aber wir haben nicht nur Fragen sondern auch Antworten.

Und klare Positionen. Wir sind gegen den Einsatz von Pyrotechnik im Stadion. Nicht nur weil Pyrotechnik verboten ist, denn das ist so. Wir halten den Einsatz für gefährlich und schädlich für die vielen Menschen in den Blöcken und für nicht kontrollierbar. Wir halten diejenigen, die Pyrotechnik einsetzen nicht für Verbrecher oder Gewalttäter, aber wir halten sie für egoistisch und rücksichtlos. Wir glauben nicht an eine Legalisierung von Pyrotechnik. Wir wollen keine Strafen mehr für das Abbrennen von Pyrotechnik durch unsere Fans zahlen. Wir meinen, dass Pyrotechnik keinesfalls Bestandteil von Fankultur ist, sondern – angesichts der damit verbundenen Gefahren – allenfalls für einen verzichtbaren visuellen Effekt steht. Wir sind davon überzeugt, dass kein Fan, der im Rauch steht oder sieht, wie sein Verein dafür hohe Geldstrafen zahlt, Pyrotechnik befürworten wird. Wir glauben nicht an einfache Lösungen und werden differenziert vorgehen. Wir sind dagegen, dass einzelne oder Gruppen für das Verhalten anderer bestraft werden. Wir finden es richtig, wenn ermittelte Zündler angezeigt und gegen sie Stadionverbote verhängt werden. Die Aufklärung und Verfolgung von Straftaten ist allein Aufgabe des Ordnungsdienstes und der Polizei – und geschieht auch! Die Aufgabe der Fanbetreuung ist es, im Vorfeld zu agieren. Wir finden es richtig, mit allen Gruppen –egal welche Position sie in dieser Frage haben – zu sprechen und werden immer versuchen, sie von unseren Positionen zu überzeugen. Wir wollen kein Gejammer gegen Repressionen mehr hören, wenn die Schraube angezogen wird, weil sonst nichts zu wirken scheint.

Wir wollen nicht absteigen. Und wir erwarten, dass jeder HSV-er und jede HSV-erin seinen bzw. ihren Teil dazu beiträgt, wir zusammenstehen und nicht jeder sein Ding macht. Und das wir den Abstiegskampf mit Würde annehmen, alles geben und nicht als Rechtfertigung missverstehen, verbrannte Erde zu hinterlassen.

Wir sind

der HSV-Vorstand, die HSV-Fanbetreuung und der HSV Supporters Club