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Hintergründe

„Durch Gezi sind enorme Gräben entstanden – auch auf den Tribünen“

Autor: Zienau Veröffentlicht: 14. März 2015
Quelle: Naz und Freddy

Als 2013 zahlreiche Menschen in der Türkei gegen die Politik von Recep Tayyip Erdoğan und seiner AKP protestierten, beteiligten sich auch viele Fußballfans an den Demonstrationen. Seitdem haben sich die Bedingungen für die türkische Ultra-Szene verschlechtert. Stadien darf man nur noch betreten, solange man sich registriert hat, politische Lieder sind verboten. 

Es war ein historisches Ereignis. Die verfeindeten Ultra-Gruppierungen von Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray hatten sich verbündet und sind den Protestanten auf dem Taksim-Platz zu Hilfe gekommen. Die Jahrzehnte alte Feindschaft wurde hinten angestellt, da ein neuer Widersacher gefunden war. Der Film Istanbul United erzählt von diesem Bündnis. Viel erreicht hat die Gezi-Bewegung jedoch nicht. 2014 wurde Erdogan mit großem Abstand zum Präsidenten gewählt und setzt seine Politik seitdem relativ gelassen fort. Seinen Widersachern ergeht es derweil weniger gut. Viele Bereiche des öffentlichen und digitalen Lebens werden eingeschränkt, im internationalen Ranking der Pressefreiheit befindet sich das Land auf Platz 149 von 180.
Auch die Ultra-Szene hat einige Einschränkungen hinnehmen müssen. Das Filmprojekt „Geisterspiel/Boş tribünler“ will sich nun mit der Thematik befassen und auf die verschlechterten Bedingungen für Fußballfans aufmerksam machen. Wir haben mit Naz und Freddy, den Produzenten des Films, gesprochen:

Fanzeit: Welche Rolle spielten Fußballfans bei den Gezi-Protesten? Und warum haben sich die Fans beteiligt?

Naz: Den Großteil der türkischen Fussballfans kannte man bis zu den Gezi-Protesten als unpolitische Masse, die nur auf den Tribünen aktiv war. Ausnahmen bildeten lediglich ein paar linke Fangruppen wie natürlich „Çarşı“, oder auch „Tek Yumruk“ (Galatasaray), die bereits vor den Gezi-Park-Protesten politisch aktiv waren und zum Beispiel immer schon am 1. Mai teilnahmen. Während der Gezi-Proteste haben eben auch viele Fans gesehen, dass nicht nur sie von Polizeigewalt betroffen sind, sondern salopp formuliert, auch scheinbar völlig harmlose Menschen, die demokratisch und gewaltfrei ein paar Bäume in einem Park beschützen wollten. Viele verschiedene gesellschaftliche Gruppen, zu denen natürlich auch Fußballfans zählen, leiden unter der autoritären Politik der Regierung Erdoğans. Nach der Räumung des Gezi-Parks zeigte sich die geballte Wut der verschiedenen Gruppen – die komplette, über Jahre angestaute Wut gegen diese Regierung. Zunächst waren besonders die Fans von Beşiktaş involviert, es schlossen sich aber auch immer mehr Fans der anderen beiden Istanbuler Vereine und anderer Clubs an.

Fanzeit: Standen sämtliche Fußballfans auf Seiten der Protestanten oder gab es auch Unterstützung für die AKP?

Freddy: Leider muss man sagen, dass die AKP immer noch von der Mehrheit im Land gewählt wird und das wird sich auch nicht zu den diesjährigen Parlamentswahlen im Juni ändern. Zu stark ist sie in den konservativen Teilen Anatoliens, wo sie es mit ihrer oftmals pseudoreligiösen Agitation sehr einfach hat. Logischerweise gibt es auch in der Fanszene Leute, die die AKP wählen und den Protesten ablehnend gegenüber standen. Ausgerechnet bei Beşiktaş bildete sich nach den Protesten zum Beispiel eine Gruppe – „1453 Kartalları“ – die betonte, dass Beşiktaş nicht nur links sei und sie begannen bei den folgenden Spielen die politischen und auf Gezi bezogenen Parolen niederzupfeifen. Um die Gruppe ranken sich einige Mythen und nicht wenige behaupten, die Regierung hätte sie gezielt als Instrument gegen „Çarşı“ benutzt. So behaupteten zum Beispiel Mitglieder von „Çarşı“, dass man nur die wenigsten Leute dieser Gruppe vorher bei Beşiktaş-Spielen gesehen habe. Natürlich gab es auch in anderen Fanszenen sowohl Leute, die an den landesweiten Demonstrationen teilgenommen haben, als auch Kritiker dessen. Nicht vergessen darf man darüberhinaus, dass auch sogenannte apolitische Gruppen wie „UltrAslan“ oder „Genç Fenerbahçeliler“, dazu aufriefen, als Fußballfans nicht an den Protesten teilzunehmen. Ohne sich zwar dabei auf die Seite der AKP-Regierung zu schlagen, unterbanden sie dennoch auch die politischen Parolen im Stadion. Durch die Gezi-Proteste sind enorme Gräben in der Gesellschaft entstanden. Davon blieben die Tribünen natürlich nicht unberührt.

Fanzeit: Wie wurde auf den Protest der Ultras reagiert? Gibt es Einschränkungen für die Fanszene und, wenn ja, wie sehen die aus?

Freddy: In der darauffolgenden Sommerpause wurden neue Fangesetze verabschiedet. Diese beinhalteten zum Beispiel die absurde Forderung nach einem Verbot politischer Parolen im Stadion. Desweiteren wurde der wohl verheerendste Einschnitt mit der Einführung eines elektronischen Ticketsystems getätigt. Ab sofort muss man, um ein Spiel der ersten und zweiten Liga zu besuchen, die sogenannte „Passolig“ kaufen. Dabei handelt es sich um eine Kreditkarte der „aktıfbank“, deren Besitzer der Schwiegersohn Erdoğans ist. Man schließt dabei ein zehnjähriges Abo ab und ist darüberhinaus verpflichtet, all seine persönlichen Daten abzugeben. Die Folge sind nun, wie der Titel unseres Projekts verrät, leere Ränge, was die Fanszene nachhaltig enorm geschwächt hat. Waren Fankurven noch vor zwei Jahren Orte, an denen sich Menschen aller Schichten versammelten und auf die der Staat keinen Zugriff hatte – das Potenzial dessen sah man während Gezi – gibt es jene eben nicht mehr in dieser Form. Erwähnen muss man aber auch, dass die eingeführten Maßnahmen keine bloße Reaktion auf Gezi, sondern schon lange vorher geplant waren. Mit Gezi kam schließlich nur der richtige Augenblick, mit dem man es natürlich auch gegenüber der Öffentlichkeit, die den regierungsnahen Medien folgt, rechtfertigen konnte.

Naz: Und dann gibt es ja noch den Prozess gegen „Çarşı“, der deutlich zeigt, wie stark die Regierung die Fans einschätzt und wie viel Angst sie hat. 35 Fans drohen dabei Haftstrafen von bis zu 90 Jahren, da sie angeblich versucht haben, die Regierung zu stürzen. Der Prozess soll vor allem eins: einschüchtern.

Fanzeit:  Wehren sich die Fans gegen die Auflagen? Gibt es weiterhin Protest?

Naz: Wie man sich denken kann, gibt es überall und sehr viel Protest. Die meisten Fangruppen boykottieren die Passolig und gehen stattdessen zu anderen Sportarten oder besuchen Vereine der 3. oder 4. Liga, von denen es besonders in Istanbul einen Haufen gibt. Die Ausdrucksformen des Protests sind sehr unterschiedlich. Es gibt z. B. eine Gruppe bei Beşiktaş, die die Spiele gemeinsam im Abbasağa Parkı im Radio verfolgt. Andere Gruppen treffen sich in verschiedenen Lokalen und tragen die Stimmung von der Tribüne dort hin.

Freddy: Was man leider aber auch sagen muss: Mit zunehmender Dauer nehmen aber auch immer mehr Fans die Gegebenheiten so an, wie sie gerade sind. Waren am ersten Spieltag der laufenden Saison fast überall maximal 1.000 bis  2.000 Leute im Stadion, stiegen die Zahlen wieder, besonders natürlich bei wichtigen Spielen oder Derbys. So sieht man trotz des breiten Boykotts auch viele Fans oder Ultras im Stadion, die sich leider diese Kreditkarte zugelegt haben. Somit verliert der Boykott natürlich an Wirkung. Dennoch gibt es weiterhin einen breiten Protest, der uns mutig stimmt und auch die Leute von „Çarşı“ lassen sich nicht einschüchtern, was man bei der großen Solidarisierung an ihrem ersten Prozesstag sehen konnte, als tausende Menschen vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten.

Fanzeit: Wie stehen Verband oder Vereine zu den Protesten?

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Freddy: Leider muss man sagen, dass hier die Offiziellen bis auf wenige Ausnahmen eine Hardline-AKP-Linie vertreten. Man könnte ja meinen, dass besonders der türkische Fußball unter dem Zuschauerschwund zu leiden hat. Besonders unter dem Blickwinkel, dass hochrangige Sponsoren aufgrund der aktuellen Situation in den Stadien bereits mit Rückzug gedroht haben. Der türkische Fußballverband TFF bezog aber sinngemäß Stellung: „Wenn ihr keine Passolig wollt, dann bleibt zu Hause!“ Auch die meisten Vereine helfen bereitwillig bei der Umsetzung des neuen Ticketsystems und haben bei Cup- oder Europapokalspielen, bei denen die Passolig ja eigentlich benötigt wird, die Regeln teilweise übernommen. So ist es gängige Praxis, dass man bei Cup-Spielen keine Passolig braucht, aber dennoch seine kompletten Daten inklusive Passnummer abgeben muss. Oder Passolig-Besitzer genießen Vorverkaufsrechte und so weiter …

Fanzeit: Wie hat die Öffentlichkeit auf die Einschränkungen reagiert?

Naz: Die Medien in der Türkei sind bekanntlich sehr parteiisch und zum größten Teil in AKP-Hand. Da werden die Maßnahmen natürlich als etwas Sinnvolles und Effektives dargestellt. Wie Freddy schon gesagt hat, ist die Gesellschaft in der Türkei sehr gespalten. Die Menschen, die die AKP wählen, finden solche Gesetze größtenteils in Ordnung. Menschen, denen aber bewusst ist, dass die AKP Gesetze erlässt, um ihre Macht zu sichern und jede Opposition zu unterdrücken, lehnen natürlich auch die Passolig als repressive Maßnahme ab.

Fanzeit: Ihr wollt in eurem Film über das Schicksal der türkischen Fanszene berichten. Habt ihr euch dafür eine besondere Herangehensweise überlegt?

Freddy: Der Film behandelt, wie man auch aus unserem Konzept heraus lesen kann, genau diesen Themenstrang. Klar wollen wir sowohl versuchen, den Prozess gegen „Çarşı“ zu beleuchten, als auch den allgemeinen Protest gegen Passolig. Der Film soll aber nicht stur ein Thema behandeln, sondern eben auch die komplexen Zusammenhänge, die wir angedeutet haben, aufzeigen und hoffentlich erklären können, warum der Staat denn genau so reagiert.

 

 

Fanzeit: Wie viele Leute arbeiten an eurem Projekt mit?

Naz: Das Projekt ist nur von uns beiden. Hinter uns steht keine Organisation oder sowas. Ich bin für mein Studium nach Istanbul gegangen. Freddy wollte auch nach Istanbul und wir haben zusammen den Plan für dieses Projekt geschmiedet. Leider gibt es keinen großen Spender und ein Freund gab uns damals den Tipp, das Projekt mit Crowdfunding zu finanzieren.

Freddy: Und natürlich gibt es noch ein paar Leute, die uns ihre Hilfe angeboten haben. Zum einen Leute, die mit den technischen Dingen vertraut sind, zum anderen auch Leute, die Kontakte und aktive Mithilfe angeboten haben. Aber alles auf freundschaftlicher Basis, weil es wie bereits erwähnt kein kommerzielles Projekt ist, sondern wir einfach als Fans, die wir selbst sind, einen differenzierten Dokumentarfilm zu der Situation der Fußballfans in der Türkei machen wollen.

Fanzeit: Welches Ziel habt ihr eurem Crowdfunding gesetzt und wofür soll das Geld eingesetzt werden? 

Naz: Das Ziel sind 6.000 Euro, die aber sehr knapp kalkuliert sind. Wir wollten uns aber auch nicht übernehmen und die Messlatte bei unserem ersten Projekt dieser Art zu hoch setzen. Allein die Kosten für das nötige Equipment betragen knapp 5.000 Euro. Den Rest haben wir für Dinge wie Drehgenehmigungen, Visumskosten für Freddy, Verpflegung für unsere Film- und Interviewgäste, Benzinkosten und so weiter eingeplant. Nur im Notfall auch als Notreserve für uns, da man nicht vergessen darf, dass wir unseren Aufenthalt und unsere Miete hier privat bezahlen und Freddy darüber hinaus noch auf Arbeitssuche ist. Das wollen wir aber in jedem Fall vermeiden. Es ist wie gesagt unser erstes Projekt dieser Größenordnung, daher können wir nicht ausschließen, noch einen zweiten Spendenaufruf zu starten. Dennoch glauben wir, dass wir den Film mit 6.000 Euro realisieren können.

Freddy: Aktuell haben wir 670,- Euro bekommen, also schon mal immerhin über 10 %. Da wir nur bis zum 6. April sammeln, also einen knappen Monat, müssen wir es schaffen, dass täglich ca. 200,- Euro reinkommen. Wenn ich kurz den Schlaumeier spielen darf, braucht es also nur 600 Leute, die bereit sind, 10,- Euro dafür zu geben. Dann hört sich der Betrag auch schon nicht mehr so hoch an, wie er zunächst aussieht.

Wenn euch das Projekt interessiert und ihr es unterstützen wollt, könnt ihr das unter  www.startnext.de/geisterspiel tun.