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Hintergründe

Dritte Halbzeit im Boxring

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 22. Mai 2014
Quelle: www.teamsfight.com/

Runter vom Feld, raus aus dem Wald, rein in den Ring! Hooligan-Kämpfe als Sportart? Das klingt ambitioniert, wahnwitzig, illegal und ausgedacht. Tatsächlich ist es vermutlich eine Mischung aus allem, erstaunlich erfolgreich –  und völlig real . Ein erstes Event stieg im April in Riga, fanzeit sprach kurz darauf mit dem Veranstalter sowie Experten in Deutschland, die allein vom Zusehen Bauchschmerzen bekommen.

„About rrrules…“ Als der gedrungene Kraftmeier des Zuschnitts der Jungs, die bei Inkasso Moskau ihre Mettbrötchen verdienen, zur klitzekleinen Regelkunde anhebt, sind die anderen längst im Tunnel. Zehn überaus ausgewachsene Männer stehen sich gegenüber, je fünf auf einer Seite. Sie kauen auf ihrem Mundschutz, verdrehen sich Arme und Schultern, blecken die Zähne und funkeln ihre Gegenüber an. So schnell der Referee begonnen hat, die Regeln zu erklären, so schnell ist er fertig. „No contact wiss eyes, no contact wiss Adam’s apple „, radebrecht er in Englisch mit starkem osteuropäischem Einschlag. Kurz holt er Luft, als hab er noch etwas vergessen. Ach ja: „No biting!“ Das ist also der Typ, der dich retten soll, wenn bis zu fünf entfesselte Haudraufs im Team dein Gesicht beackern, mit allem, was der liebe Gott ihnen an Extremitäten mit auf die Welt gegeben hat.

 

 

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Allein dass hier Hooligan-Gruppierungen aufeinander treffen, die sich auch schon im mehr oder weniger echten Leben einen Ruf erprügelt haben, lässt erahnen, worum es geht: Eine legale Alternative zu sogenannten Drittortauseinandersetzungen. Die sind in Deutschland nach wie vor untersagt, auch wenn die Beteiligten in aller Regel freiwillig daran teilnehmen. Mit dem Anstrich des sportlichen Wettkampfs, einem ziemlich losen Regelwerk und halbwegs professioneller Vermarktung sollen Hooligankämpfe nun nicht nur aus der Illegalität, sondern gleich noch aus der Schmuddelecke gezogen und vermarktet werden.

Wir befinden uns mutmaßlich in der lettischen Hauptstadt Riga. So genau weiß das keiner. Der Ring wird zwar von HD-Kameras gefilmt, doch eine Anfahrtsbeschreibung zu dem Verließ , das dem folgenden Spektakel als Austragungsort dient, gibt es nur als vertraulichen Hinweis. Gerade haben sich hier noch Cheerleader in kaum noch jugendfreier Pose geräkelt, jetzt gibt der Referee den Ring frei. Die Luft ist testosteronhaltig, hier werden sich gleich zehn Typen tierisch was aufs Maul hauen. Die Kombattanten tragen unzweideutige Namen wie Lech Posen Hooligans oder Jungvolk Moskau – und springen sich Sekunden später mit Anlauf ins Gesicht! Klaren Regeln scheint die wilde Keilerei nicht zu folgen. Wenige Augenblicke später wird auch der letzte Aufrechte von den Gegnern derart zugerichtet, dass schließlich ein Sieger feststeht. Ganz wie draußen auf der Wiese – nur eben im Ring, vor Kameras, neben Cheerleadern.

„Manche von uns sind nicht einmal Fußballfans“

Ein gewagtes Konzept, doch die Veranstalter scheinen die vielleicht größte Hürde bereits genommen zu haben. Teile der Szene scheine die Idee zu akzeptieren, sonst wäre schließlich niemand erschienen. Keine Selbstverständlichkeit, spielen dabei doch allerlei Ehrenkodizes eine Rolle, ganz zu schweigen davon, dass Hooligans als meist ausgesprochen öffentlichkeitsscheue Wesen gelten und auch der Sinn einer Auseinandersetzung durch den sportlichen Wettkampf regelrecht ad absurdum geführt wird. Trotz skeptischer Stimmen in den einschlägigen Foren lässt sich das immense Interesse an der kontroversen „Sportart“ nicht von der Hand weisen. Erst vor wenigen Wochen hat Organisator TFC (Teamfighting Championship) das erste Turnier veranstaltet. Im April unterhielt sich fanzeit mit einem Mann, der sich Michael nennt und für das Marketing der Veranstaltung Sorge trägt. Offen zu erkennen gibt sich niemand. „Wir sind eine internationale Gruppe von Leuten, die die gemeinsame Sache vereint. Wir wollen etwas Neues in der Welt der Martial Arts schaffen“, sagt Michael. Ein Jahr hat es gedauert, das erste Event auf die Beine zu stellen.

Hooligans aus Posen, Moskau, Prag, Göteborg und dem ukrainischen Nikolaev nahmen an der Premiere teil, dennoch sei die Zugehörigkeit zu einem Fußballverein keine Startbedingung. „Manche von uns sind nicht mal Fußballfans“, erklärt Michael. Pikant: Auch mit der Veranstaltung von Mixed-Martial-Arts-Events haben die Organisatoren der TFC zuvor keinerlei Erfahrungen gesammelt. Nach den überwältigenden Reaktionen ist inzwischen natürlich längst eine zweite Veranstaltung in Planung. Auf der TFC-Homepage findet sich ein Anmeldeformular. „Wir bekommen sehr viel Feedback. Das freut uns, weil uns Leute ihre Ideen, Vorschläge und Kommentare schreiben. Die Reaktionen sind insgesamt sehr positiv.

Auf Seite 2: Warum sich die MMA-Szene in Deutschland aufs Schärfste von der neuen „Sportart“ distanziert.