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Hintergründe

Die Würde der Fußballfans ist unantastbar

Autor: Mirko Lorenz Veröffentlicht: 18. Januar 2016
Quelle: Mirko Lorenz

Die deutsche Akademie für Fußballkultur veranstaltete am vergangenen Wochenende den ersten Kongress für Fußball und Menschenrechte. Die Hauptthemen umfassten Menschenrechtsverletzungen im Zuge von Sportgroßveranstaltungen und in der Sportartikelproduktion sowie die Missachtung der Rechte von Stadionbesuchern. Eine Zusammenfassung der Vorträge, Diskussionsrunden und Workshop-Arbeiten.

In Sachen Menschenrechte spielt die Stadt Nürnberg mit vielen Organisationen und Veranstaltungen eine besondere Rolle. So sitzen dort ein Menschenrechtszentrum und es findet ein jährliches Filmfest statt. Für den Kongress stand daher einiges auf dem Programm und namhafte Gäste, wenn auch nicht unbedingt aus dem Fußball oder Sportbereich, waren angekündigt.

Die Veranstaltung begann mit einer einleitenden Rede von Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, der den Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der FAU Erlangen-Nürnberg innehält. Er lieferte einen sehr interessanten Rundumblick über Definitionen von Menschenrechten, weltweiten Problemen und Ansatzpunkten für Verbesserungen.

„Passolig“ und „Tessera“ – Schwierigkeiten für Fans in der Türkei und Italien

Der nächste, für Fußballfans besonders interessante Vortrag, kam von Daniela Wurbs, leitende Mitarbeiterin bei Football Supporters Europe (FSE). Sie nannte viele Probleme, mit denen Fans aus ganz Europa zu kämpfen haben. So erhalten in der Türkei nur Besitzer der Fankarte „Passolig“ Eintrittskarten für Stadien. Dabei handelt es sich um eine Art Kreditkarte von der Bank eines Familienangehörigen Erdogans. Für die Erteilung der Karte ist die Abgabe aller persönlichen Daten inklusive Sozialversicherungsnummer Pflicht. In Italien hat man mit der sogenannten „Tessera“ ähnlich strenge Vorgaben.

Außerhalb Deutschlands ist es vielerorts, vor allem in den Niederlanden und England, üblich, dass sich Fans an vorgeschriebene Routen bei Auswärtsspielen halten müssen. So kann es sein, dass ein in London lebender Newcastle United-Fan beim Spiel seiner Mannschaft in London, für einen Stadionbesuch zunächst nach Newcastle reisen und dort in einen vorbestimmten Bus oder Zug steigen muss, um sein Ticket zu erhalten. Nach dem Spiel muss er dann gegebenenfalls wieder nach Newcastle reisen.

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Außerdem erklärte Wurbs, wie schwer es Fans teilweise haben, wenn sie sich politisch engagieren möchten. Häufig werden geplante Aktionen von UEFA oder FIFA verboten, aus Angst, die Sichtbarkeit der Werbebotschaften im Stadion werde eingeschränkt. Die FSE versucht in diesen Fällen als Vermittler zwischen den Parteien aufzutreten und sich für die Anliegen der Fans einzusetzen.

Die angesprochenen Toten beim Bau der Stadien in Quatar und die damit verbundene gesellschaftliche Verantwortung der Bundesligamannschaften war Hauptpunkt in der abendlichen Podiumsdiskussion. Kritisiert wurde, vor allem von Sylvia Schenk, der Leiterin von „Sport Transparency International Deutschland“, die verpasste Gelegenheit vom FC Bayern und Borussia Dortmund, die Missachtung der Menschenrechte durch ihre dortigen Trainingslager anzusprechen. Die Verantwortung solcher Entscheidungen liege hauptsächlich bei den Vereinen, betonte sie. Claudia Roth, die Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages, forderte zusätzlich eine Möglichkeit der politischen Äußerung für Spieler oder Trainer, sofern diese sich äußern möchten. Bisher verbieten UEFA und FIFA jegliche Form individueller, politischer Äußerungen auf dem Feld.

Menschenrechte = Fanrechte?

Am nächsten Morgen standen konkrete Diskussionen in Workshops auf dem Plan. Zur Auswahl standen vier Themen: „Fußball und Inklusion“, „Empowerment durch Fußball“, „Sportartikelindustrie“ und „Fanrechte“. Der Workshop Fanrechte beschäftigte sich vor allem mit Beispielen für Menschenrechtsverletzungen gegenüber Fußballfans. So werden Fans etwa bei Auswärtsspielen durch die bereits angesprochenen vorgeschriebene Routen in regelmäßigen Abständen ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Außerdem wurde ein unterschiedlicher Umgang mit Fußballfans und Zivilbürgern thematisiert, der dem Maßstab der Gleichheit widerspricht.

Die Unterschiede in der Handhabe von Straftaten beim Fußball und in der Zivilbevölkerung erklärte Waltraut Verleih von der AG Fananwälte am Beispiel einer Handgreiflichkeit: „Oftmals verzichtet das Opfer einer Kneipenschlägerei auf eine Anzeige und rechtliche Konsequenzen bleiben aus. Kommt es jedoch im Fußballstadion zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, ist die Polizei selbst der Ausgangspunkt für ein Verfahren.“ So sei es theoretisch denkbar, dass ein bereits geklärter persönlicher Disput dennoch Strafen und ein eventuelles Stadionverbot nach sich zieht.

Das Thema Stadionverbote war ein weiterer wichtiger Punkt: Das Vergabeverfahren sei laut Verleih höchst problematisch. Zum einen, weil es nicht den ordentlichen Weg über die deutschen Gerichte gehe, sondern vom DFB und den Vereinen gegen die allgemeingültige Unschuldsvermutung durchgesetzt werde. Zum anderen erhielten Fans bis zur Klärung des Verfahrens ein vorläufiges und sofortig geltendes Stadionverbot. Ein unrechtmäßiges Stadionverbot abzuwehren und gegebenenfalls geltende Entschädigungsansprüche durchzusetzen sei für Fans mit extremen Schwierigkeiten verbunden, so die Anwältin. Um Fans in diesen Fällen zu unterstützen, wurden in den letzten Jahren bundesweit mehrere Fanhilfen gegründet.

Eine Abschlussrunde, moderiert vom Autor und Journalist Christoph Ruf, fasste die Ergebnisse des Kongresses zusammen. Von den 36 deutschen Profi-Vereinen entsandten übrigens nur der FC St. Pauli, Fortuna Düsseldorf, der VfL Bochum, Darmstadt 98, TSG Hoffenheim und der FC Augsburg Vertreter zum Kongress. Eine Quote, die deutlich macht, welchen Stellenwert das Thema Menschenrechte bei vielen Vereinen genießt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei 3ZWO5.