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National

Die Polizeiforderungen nach dem Derby sind mal wieder reiner Populismus

Autor: Mirko Lorenz Veröffentlicht: 29. November 2017
Quelle: imago

Drakonische Forderungen seitens der Polizei sind nichts Neues, für ein Derby ohne tatsächliche Auseinandersetzungen allerdings schon. Ein Kommentar.

Ein ereignisreiches Revierderby liegt hinter uns. Wenn man den Medien glauben schenken darf, müsste Dortmund längst einen neuen Trainer haben, Tedesco wird Schalke wie Klopp beim BVB zu zwei Meisterschaften führen und Armine Harit steht kurz vor der Heiligsprechung, weil er das scheinbar unmögliche vollbracht hat und das Derby angeschlagen beendete. Und nachdem alle lange genug über die verrückte Aufholjagd geredet haben, macht die Polizei das, was sie am besten kann: Härtere Strafen für Fußballfans fordern.

Was war also passiert? Die Polizei selbst berichtet über eine ruhige Anreisephase, lediglich „mehrere Hundert unbelehrbare Anhänger“ hätten das Anreisekonzept bewusst unterlaufen wollen. Bekannt ist, dass die Polizei insgesamt 679 Schalker an der Kuithanstraße und weiteren 53 an der Rheinischen Straße festgehalten und kontrolliert hat. Dabei wurden 188 blau-weiße Masken oder ähnliche Vermummungsgegenstände, 40 Mal Mundschutz, verschiedene Dortmund-Fanutensilien, drei paar Quarzsandhandschuhe und zwei Stangen, sowie ein Scheckkartenmesser sichergestellt.

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Jetzt muss man sich einfach nur mit gesundem Menschenverstand ausmalen, was in Dortmund mit diesen Gegenständen passiert wäre. Nehmen wir an, die Schalker wären ins Stadion reingekommen, dann hätten sie sich wahrscheinlich im Laufe des Spiels vermummt und einige Dortmund-Schals angezündet. Die Medien hätten wahrscheinlich wieder etwas von einer neuen Stufe der Eskalation gefaselt, aber intern wäre ihnen einer abgegangen, weil es Reichweite bringt. Anschließend hätten die Schalker das Stadion verlassen und wären eventuell auf einige gefrustete Dortmunder getroffen.

Nur weil in diesem durchaus möglichen Fall, ein Teil von über 700 festgehaltenen Schalker einer gewalttätigen Auseinandersetzung nicht abgeneigt gewesen wäre, rechtfertigt das bei weitem nicht die vorläufige Bestrafung der gesamten Masse. Das geht gegen jegliches Rechts- oder Demokratieverständnis. Und das war nicht der erste Fall von Fußballfans, die beim Stadionbesuch ihre Grundrechte abtreten mussten.

Beim Niedersachsenderby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 im Jahre 2014 sollte den Hannover-Fans ihre erworbene Karte nur ausgehändigt werden, wenn sie mit vorgesehenen Bussen anreisen würden. Die Initiativen IG Unsere Kurve und Pro Fans kritisierten die zwanghafte Busanreise scharf: „Dieses Vorgehen erscheint uns zutiefst problematisch und in Teilen verfassungswidrig.“ Einer entsprechenden Klage wurde durch das Amtsgericht stattgegeben und ein Teil der Fans durften sich ihre Karten auf der Geschäftsstelle abholen.

Natürlich ist es generell verständlich, dass Polizei bei Fußballspielen präsent ist. Nehmen wir beispielsweise die Auseinandersetzungen zwischen Dortmundern und Leipzigern im vergangenen Februar. Leipziger wurden vor dem Stadion attackiert und mit Gegenständen beworfen. Es gab mehrere Verletzte. Der Vorfall ist zu verurteilen, aber er lässt sich eben nicht auf das Klientel, welches am Samstag in Dortmund festgehalten wurde, zurückführen. Für diese Vorfälle waren keine Ultras verantwortlich, sondern die Kernzielgruppe eines jeden wirtschaftlich geführten Vereins. „Normale“ Steh- und Sitzplatzfans, Trikot- und Kuttenträger, Jungendliche und Familienväter, denen einfach völlig unkontrolliert die Hutschnur geplatzt ist. Ultras ständig für alles verantwortlich zu machen und lebenslange Stadionverbote zu fordern ist daher unsinnig, aber schon lange normalisierte Praktik von Polizisten oder Innenministern.

Wenn man jetzt allerdings selbst ein Derby, bei dem es zu keinerlei Gewaltakten kam, zum Anlass nimmt personalisierte Tickets, stark verringerte Gästekontingente und lebenslange Stadionverbote zu fordern, dann stimmt die Verhältnismäßigkeit endgültig nicht. Als Krönung kann sicherlich nur der Vergleich gesehen werden, dass aufgrund von Fußballspielen nicht genug gegen Terror in Deutschland getan werden kann. Der Vergleich hinkt gewaltig, denn für Terrorismusbekämpfung sind sicherlich andere Polizeikräfte erforderlich, als die Hundertschaften im Stadion. Liebe Polizei NRW, lieber Herr Lange, euer Bild hängt gewaltig schief.

 

Anmerkungen und Kommentare dürfen gerne an den Twitteraccount @mirkchief gerichtet werden.