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Hintergründe

Der Fußball hat seine eigenen Gesetze

Autor: Maximilian Gehrmann Veröffentlicht: 13. März 2015

Es ist ein von Medien, Ministern und Funktionären schon oft geschildertes Szenario. Die Situation in und um die Stadien der Republik ist bedrohlich bis angsteinflößend und es bedarf immer weitreichenderer Möglichkeiten für Polizei, Richter und Verbände um der Lage Herr zu werden. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Jahresberichten der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) oder die persönliche Erfahrung regelmäßiger Besuche von Fußballspielen widersprechen allerdings dem geschilderten Bild des „Terrors aus den Kurven“ (BILD). Diese Diskrepanz zwischen Darstellung und Realität, sowie die Exklusivität vieler polizeilicher, strafrechtlicher und verbandspolitischer Maßnahmen für Fußballfans werfen die Frage auf, ob Fußballfans einer fragwürdigen Sonderbehandlung ausgesetzt sind? Ein Kommentar.

Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, schlug in die gleiche Kerbe, indem er im Interview mit Fanzeit.de mehr Handlungsmöglichkeiten für die Polizei forderte. So sollen die Beamten nach Vorstellungen des 58-Jährigen selbst bundesweite Stadionverbote aussprechen dürfen und ganze Gruppen schon auf der Anfahrt vom Stadionbesuch aussperren. Das Ziel dieser neuen Möglichkeiten wäre es, „dass die Polizei besser als bisher in die Lage versetzt wird, Gruppen vom Stadion fernzuhalten“. Bei genauerer Betrachtung der bisherigen Praxis fällt jedoch auf, dass die Polizei bereits eine Methode nutzt, um Personen erst gar nicht in die Stadt des jeweiligen Stadions reisen zu lassen, das Stadtverbot. Dieses gilt zumeist für den Tag eines brisanten Spiels und wird gegen Personen verhängt, die von der ZIS als gewaltbereite Fußballfans eingestuft werden. Für die Verhängung eines Stadtverbots bedarf es keiner Verurteilung, bloße Ermittlungen wegen entsprechender Straftaten reichen aus. Die Polizei beruft sich dabei auf das Ordnungsrecht, um selbige im Rahmen des Fußballspiels zu wahren. Warum beschränkt sich die Anwendung dieses Aufenthaltverbots zur Wahrung der Ordnung zumeist nur auf Fußballfans? Rainer Wendt stellte selber fest, dass man dem Fußball Unrecht tue, „wenn man Gewalt, auch Gruppengewalt für ein Fußballphänomen hält.“ Man würde ihr ebenso auf Volksfesten oder Demonstrationen begegnen. Man stelle sich nun vor, dass Mitglieder des ortsansässigen Schützenvereins am Tag des Schützenfestes mit einem Stadtverbot belegt würden, nachdem sie im letzten Jahr mit der Dorfjugend aneinander geraten sind. Unvorstellbar mag da so mancher Schütze denken, im Fußball ist dieses Verfahren harte Realität.

Auch Vereinsoffizielle sind in diesem Kontext zu hinterfragen. Als Vorstände ihrer jeweiligen Vereine sind sie verantwortlich für die Verhängung von Stadionverboten. Hans Joachim Watzke, Vorstandsvorsitzender von Borussia Dortmund, reagierte mit einer Drohung auf das „Je suis Boyz Köln“-Banner einer Dortmunder Ultra-Gruppe, mit dem sie ihre Solididarität und ihr Unverständnis über die Kollektivbestrafung der Gruppe „Boyz Köln“ ausdrückte. Er kündigte an: „Das wird sicher ein Stadionverbot nach sich ziehen.“ Auf diese Weise offenbarte er, neben seiner Vorstellung von Meinungsfreiheit, sein mangelndes Verständnis für die Absicht von Stadionverboten als „präventive Maßnahme zur Gefahrenabwehr“. Seine Auffassung kann allerdings als stellvertretend für den allgemeinen Umgang mit Stadionverboten angesehen werden. Oft sind sie nur die Reaktion auf mediale und öffentliche Empörungen über „neue Dimensionen der Gewalt“ und lassen die pädagogischen und sozialen Defizite dieser Maßnahme außer Acht. Bis zu drei Jahre vor den Toren des geliebten Stadions sitzen zu müssen, hat mit Prävention wenig zu tun und der Ausschluss fühlt sich für jeden Betroffenen ganz eindeutig nach Strafe an. Die „Präventivmaßnahme“ dient auf diese Weise repressiven Zwecken.

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Die Kollektivstrafe für die Boyz Köln stellt eine weitere Verfehlung von Vereinsoffiziellen in diesem Bereich dar. Ist eine solche Strafe im normalen Strafrecht aufgrund seiner Unschärfe nicht einmal mehr existent, wird sie für die Kölner Ultra-Gruppe nach dem Platzsturm im Anschluss an das Derby in Mönchengladbach ohne weiteres verhängt. Das viele Mitglieder der Gruppierung zum Zeitpunkt des Platzsturms nachweislich nicht im Stadion waren, führt diese Strafe ad absurdum.

Ein weiteres Beispiel für die überbordenden Maßnahmen, denen sich Fußballanhänger ausgesetzt sehen, sind die polizeilichen Durchsuchungen von 22 Privatwohnungen von Mitgliedern der „Proud Generation Duisburg“ im Januar diesen Jahres. Hier muss man sich fragen, ob die Schwere des Vergehens (Pyrotechnik beim Spiel gegen Preußen Münster) ausreicht, um das Grundrecht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung derart zu verletzen. Hausdurchsuchungen sind nur bei begründetem Verdacht und mit richterlicher Genehmigung zulässig. Aufgrund der vielen Einschränkungen wird dieses Mittel häufig nur bei Ermittlungen im Bereich des organisierten Verbrechens und der Terrorismusbekämpfung eingesetzt. Das Abbrennen von Pyrotechnik während eines Fußballspiels scheint für Staatsanwalt und Polizei mit diesen Formen der Kriminalität auf einer Stufe zu stehen. Jedenfalls lässt der Umgang mit den „Taliban der Fans“ das vermuten.

 

 

 

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