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Hintergründe

Spaltung der Fanszene? „Die Vereinsführung legt es darauf an“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 20. März 2014
Quelle: privat

Roman Kolbe will gemeinsam mit weiteren Mitgliedern beim FC Schalke etwas verändern. Es geht ihnen um Transparenz und Mitbestimmung. Aber diese Ziele zu erreichen, ist alles andere als einfach. Wir sprachen mit dem langjährigen Mitglied der Schalker Fan-Initiative und Mitarbeiter des bekannten Fanzines „Schalke Unser“.

Fanzeit: Von den insgesamt 14 gestellten Anträgen zur Jahreshauptversammlung wurden vom Aufsichtsrat sieben zugelassen und sieben abgelehnt. Wie sieht es mit den vier Anträgen aus, die von den drei großen, unabhängigen Fan-Organisationen Ultras Gelsenkirchen, Supporters Club und Fan-Initiative unterstützt wurden?
Roman Kolbe: Angenommen wurde der Antrag, der sich mit dem Ehrenrat befasst. Momentan ist es so, dass Kandidaten für den Ehrenrat ausschließlich vom Aufsichtsrat vorgeschlagen und dann per Handzeichen im Block gewählt werden. Das ist ein bisschen seltsam, denn wenn man die Rolle des Ehrenrats mal betrachtet, ist dieser ein vereinsinternes Schiedsgericht. Und dann kann es eigentlich nicht sein, dass der Aufsichtsrat, der ja möglicherweise selbst Partei in einem Streit ist, seine eigenen Richter vorschlägt. Der Antrag zur Integration des Leitbilds in die Rechts- und Verfahrensordnung ist leicht modifiziert nachträglich auch angenommen worden, die restlichen Anträge sind abgelehnt worden.

Ein Antrag befasste sich ja auch explizit mit der Vorgehensweise bei der Antragstellung. Die sollte transparenter gestaltet werden.
Der ist auch abgelehnt worden. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Das ist schon seltsam, warum ein Antrag, der eigentlich nur eine Klarstellung bezüglich der Kriterien für die Zulassung oder Ablehnung von Anträgen durch den Aufsichtsrat ist, abgelehnt wird. Es ist tatsächlich in der Satzung bislang nicht festgeschrieben, nach welchen Kriterien ein Aufsichtsrat bei der Zulassung beziehungsweise Ablehnung von Anträgen entscheidet. Da kann dann natürlich auch recht schnell der Vorwurf der Willkür aufkommen. (Nach Verhandlungen mit dem Aufsichtsrat ist der Antrag in einer modifizierten Version nun doch zugelassen worden, d. Red.)  Von den Anträgen zum Wahlausschuss sind zwei zugelassen worden. Zum einen ein Antrag, der den Wahlausschuss quasi abschaffen möchte und zum anderen ein Antrag, hinter dem der Schalker Fan-Club Verband (SFCV) beziehungsweise Reinhard Brömmel steht, besser bekannt als „Otto vom Lotto“. Dieser Antrag sieht garantierte Mitglieder des SFCV und des Ehrenrats im Wahlausschuss vor und beschneidet damit die Mitbestimmungsrechte der Mitgliederversammlung. Freie Wahlen sind das dann nur noch eingeschränkt. Das ist ein Antrag, der schon wirklich frech ist. Etwas auffällig ist, dass der Antrag selbst zwar juristisch ausgefeilt formuliert ist, die Begründung dazu aber etwas holprig daherkommt. Fast klingt es so, als hätten das zwei verschiedene Personen formuliert. Es drängt sich etwas der Verdacht auf, dass hier vielleicht sogar Vereinsanwälte den Satzungstext formuliert haben, die Begründung aber von jemand anderem kam.

Im kürzlich erschienen „Schalker Kreisel“, dem offiziellen Vereinsmagazin, sind nun alle zugelassenen und abgelehnten Anträge auf Satzungsänderung mit den zugehörigen Begründungen veröffentlicht worden. Ihr Antrag wurde zwar zugelassen, der Aufsichtsrat bittet allerdings die Mitglieder um Ablehnung. Sind solche Wahlempfehlungen wie sie der Aufsichtsrat hier abgibt in Ihren Augen legitim?
Das hat es so in der Form jedenfalls noch nie gegeben. Es hat jallerdings auch noch nie so eine Fülle an Anträgen gegeben. Der Aufsichtsrat schöpft jetzt anscheinend alle seine Mittel aus und versucht hier schon eine direkte Einflussnahme. Als einfaches Mitglied steht man dem erstmal ziemlich hilflos gegenüber. Da wird natürlich jetzt im Vorfeld schon ganz stark Stimmung gegen diese unbequemen Anträge gemacht. Es wird halt immer schwieriger, als Mitglied noch eine ungestörte Argumentation bringen zu können.

Stimmen die im Schalker Kreisel veröffentlichten Begründungen und Kommentare denn mit dem überein, was der Aufsichtsrat in den persönlichen Gesprächen vorgebracht hat?
Da kann ich natürlich nur für mich und meinen Antrag zum Ehrenrat sprechen: Im Prinzip stimmt das schon überein – nur unsere Gegenargumente sind natürlich nicht im Schalker Kreisel abgedruckt. Insofern liegt das Gewicht in den diesen Veröffentlichungen schon sehr auf der Seite des Aufsichtsrates. Das war aber auch nicht anders zu erwarten und wir müssen weiter dafür kämpfen, dass die Mitgliedsversammlung das dann möglicherweise doch anders sieht. Es wird natürlich schwierig werden für diese Anträge bei der Jahreshauptversammlung dann noch eine Zweidrittelmehrheit zu bekommen. Das war vorher schon nicht einfach und wird jetzt noch schwieriger. Aber David hat auch gegen Goliath gewonnen.

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Spaltung der Fanszene? „Die Vereinsführung legt es darauf an“

In letzter Zeit wurde immer wieder von einer drohenden Spaltung der Fanszene gesprochen und geschrieben. Glauben Sie, dass es tatsächlich so extrem kommt?
Ich glaube, dass das eigentlich bereits passiert ist. „Spaltung der Fanszene“ sind natürlich harte Worte, aber meine Meinung ist, dass es die Vereinsführung momentan darauf anlegt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die beiden angenommen Anträge zum Wahlausschuss derart unterschiedlich in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Auf der einen Seite steht ein Antrag, der feste Plätze des SFCV und des Ehrenrats im Wahlausschuss vorsieht, was ja nichts mehr mit demokratischen Strukturen zu tun hat. Hier wird nicht mehr gewählt, sondern ernannt. Dieser Antrag wird vom Aufsichtsrat massiv unterstützt. Auf der anderen Seite wird ein Antrag, der den Wahlausschuss als nicht mehr zeitgemäß sieht und ihn abschaffen will, zwar zugelassen aber nach dem Motto dargelegt: „Welcher Idiot hat sich das denn ausgedacht?“ Dahinter steckt anscheinend eine Strategie. Ich habe letztens auch noch lange mit dem Antragsteller des Antrags zur Wahlausschussstreichung gesprochen. Er ist selbst aktuell Mitglied des Wahlausschusses und möchte diesen streichen lassen, was wohl erkennen lässt, dass in diesem Gremium etwas im Argen liegt. Ich muss sagen, dass ich ihn noch nie so frustriert gehört oder gesehen habe. Die Bloggerin „Susanne Blondundblau“ hat auch einen wirklich hervorragenden Artikel geschrieben, in dem sie das ganze Thema seziert und die Strategie des Aufsichtsrates und des SFCV offenlegt. Da kann man eigentlich nur hoffen, dass dieser von vielen Leuten gelesen und verstanden wird. Ich sage auch immer wieder: Die Leute sollen sich selbst ein Bild machen. Die sollen sich auch nicht von mir oder jemand anderem erzählen lassen, was Sache ist, sondern sie sollen sich eine eigene Meinung bilden. Sie sollten das, was dort steht, dem was im Kreisel geschrieben wird gegenüberstellen und dann selbst urteilen. Ist das der richtige Weg, den ich als Mitglied für meinen Verein sehe oder ist er das nicht? Das muss am Ende jeder selbst entschieden und das ist dann auch Demokratie, die im Augenblick allerdings etwas sehr einseitig gepusht wird.  Jedenfalls sind das alles dramatische Entwicklungen im Augenblick und ich fürchte, dass es den FC Schalke 04 e.V., wie wir ihn seit 20 oder 30 Jahren kennen, bald so nicht mehr geben wird.

Anmerkung: Mittlerweile gibt es eine Webseite, die über die Jahreshauptversammlung aus Sicht der unabhängigen Fan-Organisationen informiert.

Update: Der Antrag, der für eine transparentere Vorgehensweise bei der Antragstellung sorgen soll, ist nach Verhandlungen mit dem Aufsichtsrat in einer modifizierten Version nun doch angenommen worden.

 

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.

 

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