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National

„Dass nicht Schlimmeres passiert ist, liegt allein an der Besonnenheit der Fans“

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 12. April 2017
Quelle: Jeronimo Ort

Bereits am Montag hatte die Fan-Hilfe Mönchengladbach den Einsatz der Polizei rund um das rheinische Derby beim 1. FC Köln kritisiert. In einer ausführlichen Stellungnahme konkretisiert die Organisation nun die Vorwürfe und spricht unter anderem von einem Pfefferspray-Einsatz ohne konkreten Anlass. Nachfolgend die Stellungnahme der Fan-Hilfe Mönchengladbach im Wortlaut:

Fan-Hilfe Mönchengladbach kritisiert Polizeieinsätze vor und nach dem Derby gegen Köln

Die bloße Resonanz auf unseren Aufruf am gestrigen Morgen, sich bitte mit Augenzeugenberichten, sowie Foto- und Videomaterial und gegebenenfalls ärztlichen Attesten an uns zu wenden, zeigt, dass hier zwei Polizeieinsätze stattgefunden haben, die eine Vielzahl von Borussiafans aus dem gesamten Spektrum der Fanszene negativ betroffen haben. In diesen und den Reaktionen auf einen ähnlich lautenden Aufruf des FPMG Supporter Club‘s sehen wir ein breites Unverständnis innerhalb der Gladbacher Fanlandschaft über nicht nachvollziehbares Verhalten der Polizei.

Wir wollen im Folgenden die Geschehnisse aus Sicht dutzender Augenzeugenberichte und eigenen Beobachtungen rekonstruieren und bewerten:

1. Geschehnisse am Mönchengladbacher Hauptbahnhof vor dem Spiel:

Ein Marsch von rund 500 Borussia-Fans erreichte gegen 11:15 Uhr den Mönchengladbacher Hauptbahnhof. Dort hatte die Bundespolizei den Haupteingang durch mehrere Einsatzfahrzeuge und viele Beamte künstlich verengt, um immer nur einige wenige Fans zeitgleich in den Bahnhof zu lassen und so Kontrollen durchzuführen. Diese Kontrollen fanden dann jedoch erst am Aufgang zum Bahnsteig statt, bei dem die Fans erneut nur einzeln durchgelassen, abgetastet und gegebenenfalls ihre Taschen durchsucht worden sind.

Eine volle Stunde vor der geplanten Abfahrt des Entlasters um 12:15 begaben sich die Borussia-Fans also in die besagte Prozedur. Weitere Fans, die nicht an dem Marsch teilgenommen hatten, folgten in der Zwischenzeit. Man sollte meinen, dass dies mehr als genug Zeit sein solle um die Fans ,,abzufertigen‘‘ und in den Zug zu bekommen. Eigentlich ist es nicht einmal selbstverständlich, dass die Fans überhaupt eine Stunde vor Abfahrt bereits da waren und man kann in dieser Tatsache durchaus ein Entgegenkommen der Fanszene gegenüber der Polizei sehen.

Nichtsdestotrotz ließ die Bundespolizei die Fans nur so langsam durch, dass sich die Abfahrt des Zuges auf 12:45 Uhr verschob und zu diesem Zeitpunkt noch circa 150 Fans vor dem Hauptbahnhof festgehalten wurden. War die Situation bis zu diesem Zeitpunkt noch genervt, aber stillschweigend und ruhig von den Borussia-Fans akzeptiert worden, kippte die Stimmung nun. Nach geschlagenen 1 ½ Stunden, in denen die Beamten sämtlichen Fans immer wieder versicherten, dass jeder in den Entlaster einsteigen könne, fuhr der besagte Zug weg. Einen alternativen Regionalzug zu nehmen, wurde von den Beamten ebenfalls erst einmal verhindert und den Fans wurde weiterhin der Zugang zum Bahnhof verwehrt.

Aus dieser Situation heraus entwickelten sich nun erste Unruhen in Form von Drängelei und verbalen Unmutsbekundungen aus den Reihen der zurückgebliebenen Fans, welche jedoch ausdrücklich nicht körperlich wurden. Das Verständnis einiger Beamten, die die Schuld an der Warterei ihrem Einsatzleiter in die Schuhe schoben, schlug unvermittelt und ohne ersichtlichen Anlass in einen massiven Einsatz von Pfefferspray gegen die Fans um, als besagter Einsatzleiter der Bundespolizeidirektion St. Augustin den Befehl für diesen Einsatz erteilte. Die in der Folge verletzten Fans wurden von der Polizei stur weiter in der Menge und nicht durch die Absperrung durchgelassen. Eine Behandlung gereizter Augen der unschuldigen Fans mit Flüssigkeit und das Rufen von Rettungswagen wurden verweigert. Lediglich eine Frau, die aufgrund der Situation komplett zusammengebrochen ist, wurde von vier Beamten aus der Menge zu Sanitätern getragen.

Unabhängig voneinander berichteten uns viele Fans, dass bei den eingesetzten Beamten zum Teil Unmut und rege Diskussionen über den Einsatzbefehl des Einsatzleiters stattfanden. Dieser würde ,,seine bekannte Show abziehen‘‘ und kein Interesse an einer Deeskalation, geschweige denn einer Lösung im Sinne der zurückgebliebenen Fans haben.

Die Fan-Hilfe Mönchengladbach unterstreicht, nach der Auswertung von zahlreichen Augenzeugenberichten und Videomaterial, in aller Deutlichkeit, dass dieser Pfeffersprayeinsatz ohne einen zuvor geschehenen tätlichen Angriff stattgefunden hat. Bei den zurückgebliebenen Fans handelte es sich nicht um ,,gewaltbereite Fans‘‘, sondern um normale Borussen, u.a. auch Frauen und Kinder, die lediglich ihren Unmut über die nicht nachvollziehbare Prozedur kund getan haben. Drängeleien sind darüber hinaus nur dadurch entstanden, dass die Einsatzfahrzeuge der Polizei den Zugang, wie bereits erwähnt, künstlich verengt haben. Der Pfefferspray-Einsatz war daher in unseren Augen nicht gerechtfertigt.

Schikanen auf dem Bahnsteig runden das Bild der Bundespolizei in Mönchengladbach an diesem Tag ab. Ein besonders vielsagender Vorfall stellen die Personalienkontrolle von und die mündliche Verwarnung an einige Fans dar, welche sich an einem Gebüsch am Rand des Bahnsteigs erleichterten. Abgesehen davon, dass dies nach über einer Stunde in der Kontrolle ohne die Möglichkeit eines Toilettengangs und bei fehlenden Toiletten im noch stehenden Zug ein Nachkommen menschlicher Bedürfnisse darstellt, urinierten einige Polizisten zum gleichen Zeitpunkt einige Meter weiter in das gleiche Gebüsch. Auf den Hinweis darauf, reagierten die Beamten lediglich mit dem Hinweis, dass die Situationen nicht zu vergleichen seien.

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2. Geschehnisse vor und im Ehrenfelder Bahnhof nach dem Spiel:

Wie üblich fuhren die Fans vom Stadion in Müngersdorf mit der S-Bahn zum Kölner Bahnhof Ehrenfeld um von dort die Rückreise nach Mönchengladbach anzutreten. Die letzten Fans erreichten um 18:15 Uhr, also eine knappe Stunde nach Abpfiff, Ehrenfeld. Die Polizei versperrte den Zugang zum Bahnsteig bis der Entlaster um circa 18:40 einrollte.

Was folgte, kann man mit nur mit einigem Zynismus als Versuch der Bundespolizei werten, die Quetschszenen von vor dem Spiel zu übertreffen. Der eine Zugang zum Bahnsteig wurde von jeweils mehreren Beamten auf jeder Seite der Treppe so sehr verengt, dass lediglich zwei Menschen nebeneinander die Treppe begehen konnten. Da keine Kontrolle stattgefunden hat, erschließt sich der Sinn dieser Positionierung nicht. Darüber hinaus wurde nach einigen dutzend Fans jedes Mal aufs Neue der Zugang für einige Minuten versperrt. Auch dieses Vorgehen kann schlicht und ergreifend nur als sinnlos bezeichnet werden, da der Entlaster doch bereits am Gleis stand und sämtliche Fans ohne Probleme den Zug hätten besteigen können. Man kann die Maßnahme nicht anders als als Schikane verstehen.

Das dadurch entstehende Gedränge führte in der Unteführung des Bahnhofs erneut – man kann es leider nicht anders formulieren – zu Szenen, die stark an das Unglück der Duisburger Loveparade erinnern. Kreislaufprobleme bis hin zu Ohnmachtsanfällen bei Fans waren die Folge.

Die darauf hingewiesenen Beamten reagieren entweder gar nicht, mit einem Schulterzucken oder gar amüsiert. Man müsse sich ja nicht in solche Situationen begeben. Dass man selbst der Grund für diese schlimme Situation war, wollte man nicht einsehen. Ein Beamter teilte der eingequetschten Masse lediglich mit, man sollte doch bitte „einen Meter Abstand“ zum jeweiligen Nebenmann halten. Inwiefern das zu einem Zeitpunkt möglich hätte sein sollen, der der die Fans aufgrund der Enge bereits komplett bewegungsunfähig waren, bleibt mindestens fraglich.

Die Fan-Hilfe Mönchengladbach stellt sich folgende Fragen:

– Wie kann es sein, dass die Bundespolizei sowohl in Ehrenfeld, als auch in Mönchengladbach die Zugänge so sehr künstlich verengt, dass Quetschszenen bei lang anhaltenden Absperrungen praktisch vorprogrammiert sind?
– Wie viel Zeit plant die Bundespolizei für die Kontrolle von Fußballfans ein? Plant sie ihren Einsatz so, dass Fans viele Stunden vor einer Abfahrt am Bahnhof sein müssten, um einen Zug nehmen zu können?
– Warum reagiert die Bundespolizei nicht ansatzweise auf die Anregungen der eingesetzten Mitarbeiter des sozialpädagogischen Fanprojekts und verweigert sogar eine Zusammenarbeit mit diesen?
– Warum ignoriert die Bundespolizei seit Jahren den Vorschlag der besagten Fanprojektler, Sonderzüge nicht mehr auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs abfahren zu lassen, sondern aus Gleis 2 oder sonstwo? An allen Gleisen im Hauptbahnhof gibt es zwei Aufgänge und Kontrollen könnten doppelt so schnell durchgeführt werden – man beharrt aber krampfhaft auf Gleis 1, wo dies nicht möglich ist.
– Warum befiehlt der Einsatzleiter der Bundespolizeidirektion St. Augustin ohne Grund einen massiven Einsatz von Pfefferspray gegen ungeduldig, aber friedlich wartende Fans, die zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Beamten darstellten?

In den Tagen vor dem Derby gab es von Vereins- und Supporters Club-Vertretern beider Vereine eindringliche Aufrufe an die Fanszenen. Der Tenor war, dass man sich nicht selbst den Ast absägen dürfe, auf dem man sitzt. Politik, Polizei und Co. würden nur auf das Fehlverhalten von Fans warten um die Repressionsschraube weiter anzuziehen und Derbys in Zukunft beispelsweise ohne Gästefans stattfinden zu lassen.

Die Fan-Hilfe Mönchengladbach beobachtet mit Sorge, dass es anscheinend überhaupt nicht nötig ist, dass Fans diesen sprichwörtlichen Ast absägen müssen. Viel mehr setzt die Polizei die Axt selbst auch dann an, wenn überhaupt gar kein Fehlverhalten der Fanseite vorliegt. In aller Klarheit wollen wir sagen: Dass bei beiden Geschehnissen nicht viel Schlimmeres passiert ist, ist nicht selbstverständlich und liegt einzig und allein an der Besonnenheit der Fans.

Wir hoffen, dass die verantwortlichen Stellen diesen missglückten Einsatz analysieren, Konsequenzen für die leitenden Personen gezogen werden und vergleichbare Einsätze in Zukunft nicht mehr so organisiert werden, dass unschuldige Fans grundlos zu Schaden kommen. Wir befürchten allerdings, dass unsere Fragen wie so oft unbeantwortet werden bleiben und eine Reflektion der Geschehnisse nicht stattfindet und ein ,,Weiter so‘‘ die Parole der Polizei darstellt.

Darüber hinaus bedauern wir, dass unser Verein Borussia Mönchengladbach sich bislang nicht zu den Ereignissen rund um die massiven Behinderungen bis hin zu Angriffen auf seine Fans geäußert hat. Bei dermaßen unverhältnismäßigen Maßnahmen, die Leib und Leben von Borussiafans gefährdet haben, sollte auch der Verein Stellung beziehen. Wir hoffen, dass Borussia Mönchengladbach sich in dieser Angelegenheit nicht versteckt.

Betroffene Fans bitten weiterhin, sich bei uns zu melden.

Fan-Hilfe Mönchengladbach

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