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Hintergründe

Das schäbige Spiel

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 11. Juni 2014

Eigentlich gibt es ja wenig Geileres, als vier Wochen Fußball, mit etwas Glück bei bestem Wetter und um den noch immer größten Titel, den es im Mannschaftssport zu erringen gibt. Doch das war einmal.

2006 hatte man ja mal kurzfristig das Gefühl, aus der Bewegung, die Deutschland erfasste, könnte etwas Gutes entstehen. So etwas wie Weltoffenheit, Gastfreundschaft, Unbeschwertheit, den anderen nicht erstmal scheiße zu finden, bevor man eines Besseren belehrt wird. Dinge, in denen Deutschland bis dato nicht unbedingt Weltmarktführer war. Ein berauschtes Fest – geblieben ist der Kater.

Nach und nach kamen immer mehr Figuren, die niemals auf der Gästeliste standen. Inzwischen sind Melanie Müller und andere Nichtgestalten ungeniert genug, dass sie gar nicht erst versuchen, sich auch nur den Anschein zu geben, sie führten irgendetwas anderes im Schilde, als Taschendiebstahl bei WM-Touristen. Schließlich ist da draußen ein Heer von Bei-großen-Turnieren-guck-ich-auch-mal-Fußball-Fans, die willfährig hypnotisiert ihr Portemonnaie für von Kinderhand geflickten Schund öffnen, den der Höllenschlund in die Ein-Euro-Läden zwischen Bitterfeld und Herne gespien hat. Selbst eingefleischte Karnevalisten würden sich was schämen!

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Früher blamierte sich die Nationalmannschaft mit einem Schlager-Ömmes in die Archive aller Fußball-Witzchenreißer. Fertig. Das war kalkulierter Klamauk in Dosen, die ihn erträglich, im Rückblick sogar auf eine befremdliche Weise cool gemacht haben. Eine Zeit kindlicher Unschuld, in denen der Duden das Wort Fremdscham (aus Gründen?) noch nicht erfunden hatte. Die Fußballfamilie kam irgendwie miteinander klar. Weil sie nichts von der Goldader wusste, auf der sie hauste.

Seit die Goldgräber kamen, ist der Fußballer allerdings ganz schön heruntergekommen. Während bei Vereinen noch Mitglieder und Fans die Fahne hochhalten und ihre begrenzte Macht gegen das Diktat des Ausverkaufs ausspielen, müssen Verbände und Konzerne auf internationalem Parkett keine nennenswerten Fressfeinde fürchten. So haben sich die großen Turniere zu genau der Party entwickelt, die man befürchten muss, wenn auf der Einladung FIFA im Briefkopf prangt und niemand da ist, der ihr Einhalt gebieten könnte: Die Petrischale des Grauens.

Längst zu faul und gefräßig, um die ehrabschneidenden Anfeindungen, die auf ihn einprasseln, auch nur im Ansatz zu widersprechen, hat es sich der Weltverband im Auge des Shitstorms behaglich gemacht und genießt das Unwetter, das draußen tobt, offenbar leicht amüsiert bei einem Tässchen unfair gehandeltem Kaffee. Leugnen wäre ohnehin zwecklos. Zwischendurch legen sie noch mal einen Holzscheit ins Dauerfeuer der Kritik und sprechen ungestraft von den Bewahrern des schönen Spiels, das sie und ein paar Konzerne von schlechtem Weltruf mit ihren, pardon, Wichsgriffeln umklammern.

Da stört nurmehr, dass der Brasilianer sich erdreistet, nicht den dümmlich dauergrinsenden Gastgeber zu mimen, sondern auf die klitzekleinen himmelschreienden Ungerechtigkeiten aufmerksam macht, auf die kreischende Diskrepanz zwischen diesem Festival des nachgerade spätrömischen Kapitalismus‘ und eines Großteils dieser Welt, der den mit seinem Elend finanziert. Das alles lässt sich nur ertragen durch einem Filter, mit dem die Menschen der westlichen Welt in der Regel ab Werk ausgeliefert werden – und weder WM, noch FIFA, noch der Fußball selbst sind allein dafür verantwortlich. Wenn obendrein aber auch noch ein Land wie Brasilien als Projektionsfläche dafür dient, die letzte Werbefläche zu vermarkten, die letzte Kante glattzuFLEX™en und der laktose-, fruktose- und glutenfrei rundgelutschte Fußball schließlich von einem Konglomerat übermächtiger Geldsäcke als lauwarm geschmacksverstärktes Endprodukt der willfährigen Masse zum Fraß hingewürgt wird, bleibe ich lieber hungrig.