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Hintergründe

„Das nimmt mir keiner. Auch kein Stadionverbot!“

Autor: Maximilian Gehrmann Veröffentlicht: 08. August 2015
Quelle: imago

Wenn Fußballfans von ihren Erlebnissen berichten, dann ist das Erzählte für viele Menschen oft nur schwer nachvollziehbar. Die Vorstellung von Knieschmerzen aufgrund wochenlanger Choreo-Arbeit oder der Gedanke an ein gemütliches Schläfchen auf dem Boden eines Regionalzuges, auf dem Weg zur nächsten Auswärtsniederlage, rufen bei Unbeteiligten oft nur ungläubiges Kopfschütteln hervor.

Es sind jedoch nicht nur diese, fast schon romantischen Friedlichkeiten, die nur den Fußballfans vorbestimmt sind, sondern besonders die Repressionen, denen sie vermehrt ausgesetzt sind. Hausdurchsuchungen oder Stadt-, und Stadionverbote sind dabei keine wilden Phantasien eines übereifrigen Sicherheitsfunktionärs, sondern harte Realität im Alltag aktiver Fußballfans. Wir sprachen mit einem Betroffenen über die persönlichen Auswirkungen seines Stadionverbots, Briefübergaben während einer Hausdurchsuchung und ein klassisches Auswärtsspiel ohne Spiel.

Du hast Stadionverbot. Was ist passiert und wie lange gilt das Verbot?

Das Stadionverbot wurde aufgrund von Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung und weiteren Dingen ausgesprochen. Wer jetzt allerdings an eine Massenschlägerei vor oder nach einem Fußballspiel denkt, liegt falsch. Vorausgegangen war eine Pyroaktion mit einigen Rauchtöpfen und Bengalen. Die Rauchentwicklung wird hierbei als gefährliche Körperverletzung ausgelegt. Der Beginn der Ermittlungen in diesem Fall reichte dem Sicherheitsbeauftragen des gastgebenden Vereins aus, mir als 1. Täter drei Jahre Stadionverbot aufzubrummen. Einige weitere Personen haben zwei Jahre erhalten. Ihnen wird „Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung“ vorgeworfen. Sie sollen die Banner unter denen gezündet wurde, in der Hand gehalten oder diese weitergegeben haben.

Das SV beruht somit nur auf einem eingeleiteten Ermittlungsverfahren. Mittlerweile stehe ich seit ca. 6 Monaten vor den Toren der Deutschen Stadien und habe in dieser Zeit nicht einmal Akteneinsicht in die Ermittlungen bekommen.

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Hattest Du die Möglichkeit dich zu verantworten oder dich zu diesen Vorwürfen zu äußern?

Es gab keine Möglichkeit sich zu verantworten. In dem Brief mit dem Stadionverbot wurde zwar die Möglichkeit geboten, sich bis zu einem gewissen Datum beim Sicherheitsbeauftragen zu äußern, allerdings lag diese Frist in der Vergangenheit und war zu diesem Zeitpunkt schon verstrichen. Wahrscheinlich ein Copy/Paste Fehler aus den letzten Stadionverbotsbriefen dieses Vereins. Der Brief war anscheinend eine 2- Minuten Arbeit und es nicht einmal wert ihn zu kontrollieren. Was dieser Brief allerdings für den Empfänger bedeutet, ahnt der Verfasser wohl nicht im Geringsten.

 

Den Brief in den Händen. Was waren deine ersten Gedanken? Was löste das Verbot in Dir aus?

Entsetzen, Traurigkeit, Wut. Das waren die Gefühle, die mich im ersten Moment überkamen. Allerdings drückten die Polizisten mir den Brief morgens um sechs Uhr, während einer Hausdurchsuchung in die Hand. Deshalb hatte ich in diesem Moment nur wenig Zeit, über die Bedeutung des Briefes nachzudenken, immerhin stellten grade fünf fremde Menschen meine komplette Wohnung auf den Kopf.

Als dies überstanden war, machten sich Verzweiflung und Niedergeschlagenheit breit. Nachdem klar wurde, dass man zumindest bis zum Ende der nächsten Verhandlung kein Stadion mehr von innen sieht, flüchteten sich auch einige in Drogen, um den ständigen Gedanken an eine mögliche Verurteilung und eine Zukunft mit Vorbestrafung zu verdrängen.

Auch der Aufenthalt in der eigenen Wohnung ist, in den ersten Wochen nach der Hausdurchsuchung, nicht mehr so entspannt wie vorher. Wer weiß schon, ob die nicht nochmal dein Schloss aufbrechen und morgens um sechs Uhr an deinem Bett stehen.

Außerdem muss man sich finanziell einschränken. Zum Anfang schon mal um einen Anwalt kümmern, dann die Umlegung der Strafe durch den Verein und mögliche Geldstrafen vom Gericht. Da kommt einiges auf einen zu, vor allem wenn man noch Student oder Azubi ist. Urlaub im Sommer ist für viele gestrichen.

 

„Wenn dann noch Leute aus der Schule zur „erkennungsdienstlichen Behandlung“ geholt werden, zweifeln auch gesetzestreue Bürger an den Methoden der Polizei.“

 

Stadionverbot, Hausdurchsuchung. Wie wirkt sich so etwas auf das soziale Umfeld aus? Wie haben Freunde und Familie darauf reagiert?

Da die Polizei es sich nicht nehmen ließ, sich für die Aktion in Form einer Pressemittelung zu feiern und die lokale Presse dies natürlich auch sofort übernahm, kamen schnell die ersten Leute und fragten, ob man denn auch betroffen sei. Es gab in dem von mir beschriebenen Zusammenhang einige Hausdurchsuchungen und auch entsprechend viele Stadionverbote bei uns. Ich könnte jetzt hier unzählige Gespräche mit Personen aus meinen gesamten sozialen Umfeld beschreiben. Wer jahrelang Ultra offen lebt, kennt die Diskussionen mit Familie und Freunden. Dass man aber jetzt auch noch Stadionverbot und eine Hausdurchsuchung hinter sich hat, regt diese Gespräche wieder sehr an. Man muss sagen, dass so gut wie keiner, egal wie er zu Fussball/Ultra/Pyro steht, Verständnis für Hausdurchsuchungen hatte, die mit „Rauchentwicklung im Stadion“ und der angeblichen gefährlichen Körperverletzung begründet werden. Wenn dann noch Leute aus der Schule zur „erkennungsdienstlichen Behandlung“ geholt werden, zweifeln auch gesetzestreue Bürger an den Methoden der Polizei. Die Meisten, die mit Fußball nicht viel am Hut haben, erklären dich dann spätestens für komplett bekloppt, wenn du denen erzählen willst, dass du dich trotzdem 8 Stunden in den Bus oder die Bahn setzt, um dann zwei Stunden vorm Stadion zu stehen.

 

Du darfst nicht mehr ins Stadion, fährst aber trotzdem noch zu jedem Spiel. Was treibt dich noch dazu an, auswärts zu fahren?

Der Antrieb ist die Zeit, die man auswärts mit seinen Freunden verbringt. Man freut sich die ganze Woche nur auf diesen Tag. Fußball mit seinen Leuten. Und wenn man eben nicht mehr ins Stadion darf, fallen die Stunden in den Bussen und Zügen für die Stadionverbotler noch mehr ins Gewicht. Sich einfach zusammen mit seinen Freunden gehen zu lassen, zu philosophieren, abzufeiern. Das nimmt mir keiner. Auch kein Stadionverbot.

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Dortmund, Deutschland 14. Dezember 2013: 3. Liga 13/14 - VfL Osnabrueck. Stadionverbotler des VfL Osnabrueck / Osnabrück. Dortmund Germany 14 December 2013 3 League 13 14 VfL  Stadionverbotler the VfL  OsnabrückQuelle: imago
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Osnabrücker Stadionverbotler vor dem Stadion Rote Erde in Dortmund

Wie sieht der klassische Auswärtsspieltag für dich aus? Was machst du während des Spiels?

Wir haben das Glück und Pech zugleich, direkt zweistellig Stadionverbote kassiert zu haben. Das ist für die Unterstützung des Vereins natürlich nicht förderlich, aber so kann man die Zeit draußen wenigstens gemeinsam bewältigen. Zu den Spielen fahren wir ganz normal mit der Gruppe. Wenn dann die Tore öffnen und man sich von der Gruppe für die nächsten drei Stunden verabschieden muss, sucht man sich ein entspanntes Plätzchen, an dem man die Zeit verbringt. Das kann der eigene Bus sein, ein Hügel, von dem man vielleicht einen Teil des Spielfelds sieht, eine Kneipe, die das Spiel überträgt oder auch einfach nur der Bordstein hinterm Gästeblock, auf dem der Grill angeschmissen wird. Es kommt immer auf die Situation vor Ort an und man macht das Beste draus. Danach geht es wieder ab in den Bus oder den Zug und es wird zusammen mit seinen Freunden aus dem Stadion gefeiert, sofern es etwas zu feiern gibt. Man erfragt die Stimmung, besondere Vorkommnisse und die sportliche Leistung seiner Mannschaft. Auf dem Rückweg versucht man die traurige Situation zu vergessen.

 

Wie geht die Polizei mit Stadionverbotlern um?

Auch hier gibt es sehr unterschiedliche Tage. Mal interessieren sich die Polizisten kaum für uns (meist bei Spielen ohne Brisanz). Es kam auch schon vor, dass wir uns quasi nicht vom Fleck bzw. nur in einem bestimmten Bereich bewegen durften oder es uns untersagt wurde, an Orte zu gehen, von denen aus wir das Spielfeld hätten sehen können. Mal haben wir „Bewegungsfreiheit“, mal eine Einheit, die uns auf Schritt und Tritt verfolgt. Einige Male konnten wir uns allerdings auch erfolgreich absetzen, um den Spieltag ungestört und für uns bestmöglich zu gestalten.

 

„Es ist als ob du weißt, dass du etwas verpasst, was du nie wieder nachholen kannst.“

 

Welche Gefühle begleiten dich auf einem Auswärtsspiel, wenn Du das Stadion nicht betreten darfst?

Man ist jedes Mal aufs Neue traurig und enttäuscht, nicht ins Stadion zu dürfen und seine Freunde vor den Toren verabschieden zu müssen. Heim wie auswärts. Es ist einfach das schönste Gefühl mit deinen Freunden im Stadion komplett abzudrehen und sich vollkommen gehen zu lassen. Auszurasten, Singen, seine Fahnen zu Schwenken. Für mich war es immer ein Ventil, alle Sorgen und seinen Alltagsstress zu vergessen. Das Ventil ist nun zu. Man merkt leider, dass man versucht diesen Druck anders loszuwerden. Auch an Stellen, die unter Umständen zu einer Verlängerung des Stadionverbots führen könnten, was am Ende einen Teufelskreis darstellen kann. Ein jedes Mal, wenn die Leute an den Stadiontoren stehen und wir uns von ihnen verabschieden müssen, ist es als ob du weißt, dass du etwas verpasst, was du nie wieder nachholen kannst. Und das Wissen, dass es voraussichtlich noch mehr als zwei Jahre so sein wird, zermürbt einen.

 

Bei all diesen negativen Emotionen, die dich in deinem Alltag als Fußballfan begleiten, wie stark ist oder war der Gedanke aufzuhören?

Der Gedanke, aufzuhören, kam mir nicht. Nicht durch das Stadionverbot. Ich habe weiterhin meine Gruppe, meine Freunde, die mir Halt geben und die dafür sorgen, dass ich niemals daran denken würde, diese Momente nicht mehr erleben zu wollen.
Wenn es einen Gedanken gibt, Ultra in der aktuellen Form nicht mehr zu leben, dann durch die steigende Kommerzialisierung. Repressionen durch den Staat oder die Polizei schaffen das nicht.

 

Ein Stadionverbot verfolgt laut „Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten“ das Ziel, als „präventive Maßnahme (..), zukünftiges sicherheitsbeeinträchtigendes Verhalten zu vermeiden und den Betroffenen zur Friedfertigkeit anzuhalten“. Was denkt ein Betroffener über diese Zeilen? Dient das Stadionverbot der Verhütung von Straftaten oder als bloße Bestrafung?

Meiner Meinung nach, ist die Trennung der Fans und auch die neumodische Überwachung im Stadion viel besser gegeben als rund um das Stadion. Es beugt keinen Straftaten vor, da sich die Konfliktherde in den letzten Jahren sowieso eher vor die Stadien verlagert haben. Im Stadion selbst ist die Sicherheit viel eher gewährleistet als davor.

„Definitiv bringt ein SV keine Person davon ab, seinem Verein zu folgen und weiterhin zum Fußball zu gehen. Diese Illusion kann man jedem Funktionär, Politiker, Sicherheitsbeauftragten und oder Polizisten nehmen.“

 

Was bewirkt ein Stadionverbot, deiner Meinung nach?

Einige Leute driften schon ein wenig ab. Wie so oft in unserer Gesellschaft, wenn privat etwas gravierend Negatives vorgefallen ist, flüchten sich viele voller Wut und Trauer in Alkohol oder andere Drogen. Gleichzeitig schweißt dies unter den Stadionverbotlern aber auch noch mehr zusammen. Man steht harte Touren vor den Toren oder in den Kneipen gemeinsam durch. Definitiv bringt ein SV keine Person davon ab, seinem Verein zu folgen und weiterhin zum Fußball zu gehen. Diese Illusion kann man jedem Funktionär, Politiker, Sicherheitsbeauftragten und oder Polizisten nehmen.
Wir haben uns seit dem SV auch mehr mit anderen Szenen auseinander gesetzt. In einigen Fällen konnten die Leute mit Stadionverbot die Spiele zusammen verfolgen. Der gemeinsame Feind bleiben die Polizei, der Verband und die Politik, das lässt Rivalitäten in solchen Momenten vergessen.

An alle Stadionverbotler dieser Welt! Haltet durch!