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Interviews

Das große Interview mit Fanforscher Jonas Gabler – TEIL II

Autor: Kim Heeß Veröffentlicht: 29. Dezember 2014

Du bist auch bei Ultra-Gruppen in Deutschland unterwegs, fungierst als Sprachrohr und Ansprechpartner. Was sehen Ultra-Gruppierungen in dir?

Damals haben sie mich nicht als Sprachrohr gesehen; ich weiß auch nicht, ob sie es jetzt tun. Da ist einfach jemand, ein Außenstehender, der einen anderen Blick hat. Auf Interesse ist gestoßen, dass ich einen Hintergrund und ein Wissen über die Ultra-Szene in Italien. Ich hatte damit etwas zu erzählen. Ich bin ein Außenstehender, mit dem sie kritisch über ihre eigene Subkultur diskutieren können und jemand, der auch Argumente oder Interpretationen geliefert hat, wie Ultras in dieser Gesellschaft wahrgenommen werden, wie man die Wahrnehmung auch verändern kann. Wie kommen die Ultras aus dieser „Schmuddelecke“ heraus? – Das war 2010-12 ein wichtiges Thema.

Heute ist der Kontakt weniger geworden. Ich habe einerseits viele andere Dinge zu tun, andererseits gibt es weniger Einladungen: Wenn man bei allen Ultra-Gruppen war, müsste man zunächst ein neues Buch schreiben, um einen Anlass zu haben, erneut auf Lesereise zu gehen.

Kontakt besteht heute auch noch, weil man sich natürlich kennt und wenn sich die Gelegenheit ergibt, tauscht man sich aus. Aber die Veranstaltungen sind weniger geworden. Was Ultra-Gruppen in mir sehen, weiß ich nicht. Das müsste man die mal fragen…

Was glaubst du, welche Themen die nächsten Jahre die Debatten in den Fankurven beherrschen werden und in welche Richtung sich die Fankultur in Deutschland entwickelt?

Eine pauschale Aussage finde ich da unmöglich. Ein Thema wird sicher bleiben, wie man mit Diskriminierung umgeht, das wird die Fanszenen beschäftigen. Ein weiteres Thema werden die Sicherheit und Sicherheitsdebatten sein, zumindest punktuell. Ich denke auch, dass ein aggressiveres Auftreten und die Veränderung der Symboliken der Ultras – z.B. dass die Sturmhaube gekommen und jetzt sozusagen ein fester Bestandteil geworden ist – ein bestimmtes Bild nach außen transportieren. Das zieht auch gewisse Leute an, junge Männer, die an einer solchen Außendarstellung interessiert sind. Ich vermute das verändert perspektivisch die Kultur.

Die größten Veränderungen in der Ultra-Szene passieren, denke ich, auch durch personelle Fluktuation. Neue Leute kommen dazu, ältere gehen wieder, weil die meisten ja nicht über mehrere Jahrzehnte Ultras sind, sondern vielleicht 10 bis 15 Jahre. Die große Masse ist wahrscheinlich wesentlich kürzer aktiv.

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Die Themen Devianz und Delinquenz – also abweichendes und strafrechtlich relevantes Verhalten – wird es weiter geben und der Trend dahin gehen, dass der Fußball noch mehr Kontrolle haben möchte, dass es noch kontrollierter vonstattengeht. Das war auch ein Trend der letzten 20 Jahre und damit werden sich Fußballfans nach wie vor auseinandersetzen müssen.

BVB-Fanaktion gegen Nazis auf der SüdtribüneQuelle: imago
Quelle: imago

BVB-Fanaktion gegen Nazis auf der Südtribüne

Und dann werden solche Themen wie 50+1 bestimmend sein. Allerdings glaube ich, dass die Fans bedauerlicherweise dabei nicht viel mitreden können werden.

Ich finde es aber mindestens genauso interessant, was in den unteren Ligen passiert, in den Nischen des Profifußballs. Sucht sich die Ultra-Kultur auch Nischen und in inwiefern differenziert sie sich weiter aus? Wie entwickelt sie sich an den kleinen Standorten, an denen es noch mehr um das Erlebnis Fußball geht, weniger um den Vereinserfolg? Vielleicht werden auch noch die zweiten Mannschaften attraktiver für die Fanszenen.

Eine spannende Frage ist auch, wie die Entwicklung insgesamt weitergeht. Die meisten Jugend- und Subkulturen, wie Punk, Hip Hop, Skinheads oder Rocker, hatten ihre Hochzeit innerhalb von etwa zehn bis zwölf Jahren. Es gibt sie heute noch immer und viele fühlen sich diesen Subkulturen zugehörig. Aber die großen Zeiten, in denen sie populär waren, sind vorbei. In ihren Nischen entwickeln sie sich jedoch weiter.

Der typische Zyklus sieht wie folgt aus:Am Anfang gab es immer eine kleine Avantgarde. Dann wurde eine Sache bekannt und zum Massenphänomen, später kommerzialisiert. In dem Moment, als sie „mainstream“ wurde, haben die Idealisten sich abgewandt, wurde sie unattraktiv und sie haben sich wieder etwas Neues oder Nischen gesucht.

Die Frage ist, inwiefern dieser typische Zyklus auf die Ultra-Kultur zutrifft. Man kann dagegenhalten und sagen, dass in Italien die Ultra-Kultur mindestens über zweieinhalb Jahrzehnte erhalten blieb (Mitte der 80er bis Mitte der 2000er Jahre). Trotzdem ist die Frage natürlich spannend. Deshalb finde ich diese Nischen auch so interessant, wie sich die Ultra-Kultur hier weiterentwickelt und was die Ultras als Massenphänomen in den Stadien ablösen könnte, wenn es denn so kommt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

kh