Anzeige

Interviews

Das große Interview mit Fanforscher Jonas Gabler – TEIL II

Autor: Kim Heeß Veröffentlicht: 29. Dezember 2014

Das rasante Wachstum von RB Leipzig schlägt auch hohe Wellen in den Fanszenen. Müssen wir uns in Zukunft mit Strukturen, wie sie dort vorhanden sind, mehr befassen?

Ich bin überzeugt, der Fußball wird sich weiter wandeln und fortschreitend ökonomisieren. Ich sehe nicht, warum es anders sein sollte. Wenn wir fünf bis zehn Jahre in die Zukunft schauen, wird es in der Bundesliga ein paar Vereine geben, die als Markenkern den sportlichen Erfolg haben. Das sind dann die erfolgreichsten Fußballunternehmen. Aktuell würde ich sagen, dass es der FC Bayern und Borussia Dortmund sein werden. Auch Schalke ist da schon prädestiniert. Es gibt noch ein paar andere Vereine, die schon als internationale Marke funktionieren: Ich denke, es ist sehr entscheidend, ob sie international bekannt sind, ob die Kinder in Amerika und Asien mit den Trikots herumlaufen.

Und dann wird es ein paar Vereine geben, die davon leben, dass große Konzerne Geldgeber sind. Diese Vereine werden allerdings nur so lange existieren, wie die großen Konzerne erfolgreich sind. Wenn diese in eine Krise kommen, werden die Vereine auch ganz schnell weg sein. Es ist ja durchaus möglich, wenn wir mal 20 bis 25 Jahre in die Zukunft gehen, dass ein Konzern, der auf Verbrennungsmotoren setzt (wie VW), nicht mehr so erfolgreich sein wird. Dann kann es auch sein, dass Wolfsburg ganz schnell verschwindet; es sei denn, VW schafft den Dreh und kann sich auf dem Weltmarkt behaupten.

Ich will damit sagen: Es gibt viele Konzerne, die vor zehn Jahren auf dem Weltmarkt als Marktführer galten und heute nicht mehr existieren oder massiv an Bedeutung verloren haben. Hätte z.B. Nokia einen Fußballverein gehabt, wäre dieser heute wohl nicht mehr da. Dann würden andere Unternehmen in die Bresche springen und verschiedene Modelle anbieten.

Dann gibt es Modelle wie RB Leipzig: Da kam jemand und gründete einen eingetragenen Verein (e.V.) – ein Trick von Mateschitz, da er durch die Gründung eines e.V. die Mitgliederzahlen auf einem Minimum hält und stets 100-prozentigen Einfluss auf den Verein hat. Das ist ein neues Modell, das es so vorher noch nicht gegeben hat. Ich weiß aber nicht, ob das viele nachahmen werden, ob das so attraktiv ist. Man ist damit ja auch angreifbar und in Deutschland entsteht ein besserer Werbeeffekt, wenn ich als Großsponsor einsteige, als wenn ich den kompletten Verein samt Farben, Logo und Name übernehme.Ich glaube aber schon, dass wir uns damit anfreunden müssen, dass der Fußball sich einfach verändert. Es wird einige Marktführer geben, die sich über das Sportliche definieren, zudem Vereine mit großen Geldgebern und dann noch ein paar Vereine, die als „Fahrstuhlmannschaften“ fungieren.

Den Aufstieg in die erste Liga werden sie in den nächsten Jahren wohl schaffen. Was würde das für Fußballdeutschland bedeuten?

Ich kann mir vorstellen, dass die Akzeptanz mit der Zeit steigt und es zur Routine wird, dass ein Verein wie RB Leipzig in den Bundesligen spielt. Früher hat man sich auch über Wolfsburg beschwert, dann über Hoffenheim und heute über RB Leipzig. Sicher, die Fälle sind nicht identisch, aber es findet eine Gewöhnung statt. Ich glaube, solange der eigene Verein noch mitspielt, gehen die Leute zu den Spielen.

Es gibt aber auch Idealisten – gerade in der Ultra-Szene –, die das nicht mehr mitmachen wollen. So kann es auch vorkommen, dass einzelne Leute oder Gruppen sich aus den Stadien zurückziehen.

Aber ich glaube, wie schon gesagt, dass sich dann etwas Neues entwickeln wird. Junge Leute, für die die Konstellation um Leipzig normal ist, weil sie damit aufgewachsen sind, werden an deren Stelle treten.

Anzeige

Es ist z.B. spannend zu sehen, wie sich die jungen ultraorientierten Fans bei RB dafür rechtfertigen, Fans von RB Leipzig zu sein, und sie eine eigene Fankultur entwickeln möchten. Persönlich empfinde ich es auch als ein bisschen naiv zu denken, dass man dort richtig etwas bewegen könnte. Aber die Anziehungskraft des Fußballs und der Fankultur ist eben höher als der abstoßende Effekt.

Banner der Protestbewegung gegen RB LeipzigQuelle: imago
Quelle: imago

Banner der Protestbewegung gegen RB Leipzig

Auf der anderen Seite: Ich habe ja schon angedeutet, dass es für mich denkbar wäre, dass sich eine Nische jenseits des Profifußballs entwickelt (gerade in den unteren Ligen) und dass Ultras dorthin ausweichen.

Es wäre auch spannend und durchaus möglich, dass eine Art „bunte Liga“ der Fußballvereine entsteht, die maßgeblich durch ihre Fanszenen getragen wird. In England gibt es schon drei bis vier Vereine, in Deutschland Chemie Leipzig und demnächst einen zweiten mit dem HFC Falke in Hamburg. Vielleicht kommen da noch ein paar mehr hinzu.

Die Frage ist, ob der Idealismus so weit geht, dass man auf den sportlichen Erfolg verzichtet und den Fokus auf das Ereignis Fußball mit Fankultur legt. Oder ist dann doch die große Bühne der ersten und zweiten Bundesliga wichtiger? Ich glaube es wird sich etwas Neues in den Nischen entwickeln, aber die Bundesligen werden nach wie vor das Phänomen bleiben, das die Massen anzieht.

Die Ausgliederungen der Profimannschaften eines Vereins stoßen bei den Fans oft auf Unverständnis. Wie ist deine Meinung dazu? Gibt es nur diese Möglichkeit, den Wettbewerb in der Bundesliga sportlich und finanziell zu meistern?

Darin bin ich nicht so fit. Es gibt ja auch verschiedene Möglichkeiten der Ausgliederung. Und die Struktur eines e.V. bedeutet, dass die Vorstände bei Misswirtschaft mit persönlichem Besitz haften. Ich glaube, die erste und zweite Bundesliga haben zusammen einen Jahresumsatz von 2 Mrd. Euro. Daran lässt sich schon erkennen, dass es um unfassbare Summen geht. Und da ist ein e.V. natürlich weniger mobil und auch ein gewisses Risiko. Die Ausgliederung wird dann auch zum Schutz des ganzen e.V. und der anderen Sportarten in dem Verein vollzogen.

Ich glaube schon, dass es für Ausgliederungen gute Gründe gibt, kann aber auch nachvollziehen, dass man dieser beschleunigten Kommerzialisierung kritisch gegenübersteht. Natürlich entfremdet so etwas die Fans immer weiter, da es in einem e.V. die Möglichkeit der Mitbestimmung gibt. Im europaweiten Vergleich ist das in Deutschland etwas Einmaliges. In Italien oder in England gab es so etwas noch nie. Dort waren die Fußballvereine schon immer Gesellschaften; es gab nie eine Vereinsstruktur mit demokratischen Mitwirkungsrechten.

Dabei ist auch zu unterstreichen: Die Demokratie in den e.V. hat einen weiteren Vorteil. Es ist ein Selbstverständnis des Fußballs, einerseits für die Anteilhaber, andererseits aber auch für die Vereinsmitglieder zu fungieren, die meist identisch mit den Fans sind. Das birgt ein enormes Identifikationspotenzial!

Dass Ausgliederung eine Entfremdung bedeutet, ist klar. Die Frage ist nur, ob wir die Entwicklung der Kommerzialisierung dadurch aufhalten, indem die Fußballabteilungen als e.V. bestehen bleiben. Da habe ich meine Zweifel. Das Problem ist, dass dieser Trend nicht aufzuhalten ist. Der Fußball wird sich noch mehr in diese Richtung entwickeln. Er ist heute schon eine der bedeutendsten und umsatzstärksten Unterhaltungsindustrien in Deutschland und das wird sich eher noch verstärken.

Weiter auf Seite 3