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Hintergründe

Das Geschäft mit dem Gefühl

Autor: Maximilian Gehrmann Veröffentlicht: 24. März 2015
Quelle: imago

Es passiert an jedem Fußball-Wochenende. Spieler entblößen sich und werfen ihr Trikot in die Heim- und Gästekurven. Dabei handelt es sich um ein altes und symbolträchtiges Ritual. In Zeiten des Modernen Fußballs wird auch dieser Vorgang zunehmend kommerzialisiert und die Trikotwürfe werden immer weniger. 

Der Pfiff des Schiedsrichters schrillt über den Platz. Er erklärt damit die hart umkämpfte Partie für beendet und die Spannung fällt von Spieler und Zuschauer gleichermaßen ab. Die Spieler der Gästemannschaft sacken enttäuscht und abgekämpft auf den nassen Rasen nieder während sich die Heimseite jubelnd in die Arme fällt. Wie eine beleuchtete Bühne erhebt sich das Stadion aus dem dunklen Herbstabend und bietet den passenden Rahmen für ein fußballtypisches Schauspiel. Nachdem sich einige Spieler der Verlierermannschaft wieder aufgerappelt haben, schleichen sie mit gesenkten Köpfen und hängenden Schultern in Richtung ihrer mitgereisten Anhänger, die nur darauf zu warten scheinen, ihre Wut und ihre Enttäuschung über der Spieler Köpfen zu entladen. Am Zaun kommt es zur Diskussion mit den Anhängern, die Spieler nicken verständnisvoll. In diesem Moment wirken sie wie gescholtene Schulknaben, die eine elterliche Wutrede über sich ergehen lassen. Nachdem die wütende Meute ihrem Ärger Luft gemacht hat, entledigt sich ein Spieler seines Trikots, wirft es in die Menge und erntet dafür versöhnlichen Beifall. Der Fänger des Jerseys macht den Eindruck, als habe seine Mannschaft gerade doch noch den Ausgleich erzielt und sein Gesichtsausdruck verrät sein unübersehbares Glücksgefühl.

Ein Stück Identität des Vereins

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Ein Szenario, welches sich auf ähnliche Weise an jedem Wochenende und seit Jahrzehnten in den Stadien abspielt. Für Außenstehende mag es merkwürdig anmuten, da der Spieler sich nicht einfach seiner dreckigen Wäsche zu entledigen scheint. Es handelt sich bei diesem Vorgang um einen symbolträchtigen Akt. Die Spieler entschuldigen sich für schwache Leistungen, beglücken schlicht ihre Anhänger oder zollen auf diese Weise ihren mitgereisten Anhängern Respekt für die weite Anreise. Das Trikot ist dabei mehr als nur einfache Spielkleidung oder ein tausendfach dupliziertes Exemplar aus dem Fanshop. Es handelt sich um den Harnisch der Rüstung, mit dem die eigene Mannschaft in die Schlacht zog, um für die Ehre des Vereins einzutreten.

Das Gefühl, welches den glücklichen Fänger erfüllt, egal ob grimmiger Alt-Hool oder kernige Kutte, scheint immer das Gleiche zu sein. Alle empfinden in diesem Moment eine kindliche Freude darüber, dass dieses Stück Identität des Vereins, den Weg in ihre Hände gefunden hat. Der Moderne Fußball macht jedoch auch vor solchen Sentimentalitäten, die den Fußball ausmachen, nicht halt. Die Vereine sorgen zunehmend dafür, dass die Trikots gar nicht erst in fremde Hände geraten, denn viele Fans sind bereit, für die getragene Kleidung der Spieler viel Geld zu bezahlen. Die Klubs wittern neue Einnahmequellen.

Kommerzialisierung von Gefühlen

Die Münchner Firma Sportnex ist mit ihrem Internetportal sport-auktion.de, neben Ebay, der Hauptanbieter und das führende Auktionshaus auf diesem Gebiet.  Sie startete 2004 das erste Online-Auktions-Projekt mit dem FC Bayern. Seit 2006 ist das Portal auch klubübergreifend und bietet Artikel von über 35 Profivereinen und Verbänden des deutschen Fußballs sowie aus dem Bereich Eishockey, Handball und Basketball an. Verkauft werden neben getragenen Trikots, Hosen oder Blumentöpfen mit Unterschriften der Mannschaften, noch viele weitere Devotionalien.

Die Reichweite und das Ausmaß kommerzieller Durchdringung scheint grenzenlos zu sein und die Rituale, Symboliken und Gefühle rücken zunehmend in den profitorientierten Fokus, da die Produktvielfalt im Merchandising weitestgehend ausgereizt scheint. Die Werbestrategen der Vereine und die Händler zeigen sich äußert kreativ. Um die Einnahmen in astronomische Höhen vordringen zu lassen, müssten sie sich allerdings mit Antonio Cassano in Verbindung setzten. Seine Unterhose, die er im Achtelfinale der Europameisterschaft 2008 trug, dürfte auf einer entsprechenden Auktion Spitzenpreise erzielen.