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Hintergründe

Das Ende ist längst abzusehen

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 05. Oktober 2015
Quelle: imago

Der Boykott der Ultras GE beim Revierderby in Dortmund ist die nächste Eskalationsstufe einer Entwicklung, vor der auch die Vereine inzwischen warnen. Das Ende ist dabei längst abzusehen. Ein Kommentar.

Das Verständnis war schnell aufgebraucht. Als Fans des 1. FC Köln sich mit dem Rivalen aus Mönchengladbach solidarisch erklärten und beim vergangenen Rheinderby nicht artig anfeuerten, wurde die Teppichetage der Geißböcke ein wenig zickig. Die Protestler würden Einzelinteressen über die des Vereins stellen, war zu vernehmen. Gladbach indes trug den Protest seiner Fans nach außen mit. Geschäftsführer Stephan Schippers mahnte dennoch sorgenvoll, dass derlei „Kurzschlussreaktionen“ eine Entwicklung in Gang setzen könnten, an deren Ende gar keine Gästefans mehr bei Derbys anwesend seien. Den nächsten Zwischenhalt auf dieser Abwärtsspirale markiert nun der Boykott der Ultras GE. Nun ist auch das größte Derby des Landes betroffen.

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Ob Braunschweig Köln oder Dortmund – Schauplätze und Akteure sind austauschbar, es sind die gleichen Diskussionen, dieselben Argumente, die an zahllosen runden Tischen verhandelt werden. Doch genau in diesem Geschacher lässt sich bereits ein Fehler im System diagnostizieren. Rechtsstaatliche Prinzipien werden dabei zum Teil mit Anlauf außer Kraft gesetzt. Ob nun das Gästekontingente reduziert, Fans zwangsweise in Busse verfrachtet werden – immer steht dabei die Strafe vor einer eventuellen und dann womöglich von anderen verübten Tat. Überraschend, dass nicht schon irgendeine Comedyrepublik dieser Erde ihr Urheberrecht auf diese Verhandlungstaktiken geltend gemacht hat. Hannover 96 ist mit dem Buszwang vor Gericht krachend gescheitert. Darin sieht Niedersachsens Innenminister aber noch längst keinen Grund, die Nummer nicht als Erfolgsmodell zu verkaufen und findet in NRW offenbar sogar noch Nachahmer. Spätestens hier kann man aufhören, sich zu wundern.

Dieser Logik folgend wirkt es nur konsequent, dass die Polizei die beiden letzten Revierderbys als die friedlichsten aller Zeiten adelte und nun mit den bisher schärfsten Auflagen „belohnt“. Wer da nicht mehr folgen kann – keine Sorge. In esoterischen Zirkeln werden im Vorfeld offenbar weitgehend zufällig immer neue Repressalien ausgewürfelt. Besonders perfide daran ist, dass sich die Fans augenscheinlich mit keinem Verhalten dieser verheerenden Entwicklung entziehen können: Sollte es friedlich bleiben, würde das Sicherheitskonzept dafür verantwortlich gemacht. Mögliche Zwischenfälle dagegen zögen unweigerlich den Ruf nach sich, die Daumenschrauben noch einmal um 360 Grad nach rechts zu drehen. In jedem anderen Lebensbereich wäre die Forderung nach einem wenigstens grundlegenden Strafenkatalog genauso selbstverständlich wie das Prinzip, dass nur zweifelsfrei Schuldige für eindeutig nachgewiesene Taten bestraft werden. Darauf braucht man bei der Sportgerichtsbarkeit nicht zu hoffen.

Daher man kann man zu der Einsicht gelangen, dass hier völlig andere Interessen im Vordergrund stehen: Eine verlässlich durchgetaktete Show, die möglichst ohne Produktionsfehler Bilder liefert und schließlich Prosperität für den Fußball und die vermeintlich seinen. Fans sind dabei noch immer noch stimmungsvolle Dekoration, aber eben kein wirtschaftlich tragendes Teil. Nicht zu unrecht fürchten die Vereine das bittere Ende dieser Entwicklung – es scheint längst abzusehen.