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Hintergründe

Das Ende des Hooliganismus?

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 22. Januar 2015
Quelle: imago

Nehmer-Qualitäten sollte mitbringen, wer es sich zum Hobby macht, wochenends auf Wald und Wiese mit erlebnisorientierten Türsteher-Typen die Fäuste zu kreuzen. Das Urteil, das der Bundesgerichtshof am Donnerstag gefällt hat, ist jedoch ein Tiefschlag, der selbst einschlägig kampferprobte Haudraufs in eine Sinnkrise stürzen könnte. Fünf Mitglieder der rechten Gruppierung „Hooligans Elbflorenz“ hatten Berufung gegen ein Urteil des Landgerichts Dresden eingelegt. Zwar revidierte der BGH einige Punkte, ging im Grundsatz aber sogar noch weiter. Wer sich künftig zu Schlägereien verabredet oder nur einer Hooligan-Gruppe beitritt, muss mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

In den 80er und 90er Jahren galt in Europas Fußballstadien oftmals noch das Faustrecht der Hooligans. Erhöhte Sicherheitsauflagen und Polizeipräsenz haben große Auseinandersetzungen in den Stadien seither praktisch unmöglich gemacht. Heute verabreden sich Erlebnisorientierte dort, wo sie niemand stört – auf Wiese oder Acker. Sprachlich durchverbeamtet heißt das Ganze heute Drittortauseinandersetzung. Die Spielregeln beschreibt der Bundesgerichtshof in seinem Urteil vom Donnerstag recht präzise: „Für die Kämpfe existierten ungeschriebene, aber in den einschlägigen Kreisen allgemein anerkannte Regeln. Die Auseinandersetzungen dauerten oft nur einige Sekunden, höchstens Minuten und waren beendet, wenn alle Kämpfer einer Seite am Boden lagen, flohen oder wenn sonst die Niederlage anerkannt wurde. ‚Kampfrichter‘, die bei Regelverstößen oder Verletzungen der Beteiligten unmittelbar eingriffen, gab es nicht. Allenfalls wurden Regelverstöße anschließend diskutiert und konnten dazu führen, dass der Verursacher nicht mehr zu Kämpfen mitgenommen wurde.“

Nun ist man schnell bei der Hand damit, die Teilnehmer dieser nicht gerade mainstreamigen Sportart als tumbe Schläger abzuqualifizieren. Dass die fünf Angeklagten Mitglied der berüchtigten und offenkundig rechten Gruppe „Hooligans Elbflorenz“ waren, widerspricht dem nur zaghaft. Wie so oft greift das Klischee an dieser Stelle aber zu kurz. Im Grunde scheinen Hooligan-Kämpfe den Regeln einer Sportart zu gehorchen – und ziehen eine ähnlich durchmischte Klientel. Auch wenn das in der Szene längst nicht unumstritten ist, sind in Lettland sogar schon Hooligans in den Ring gestiegen, um vor semi-professioneller Kulisse und laufenden Kameras zu kämpfen. Gehen wir also davon aus, dass die Teilnehmer solcher Auseinandersetzungen mindestens stillschweigend in eine mögliche Körperverletzung eingewilligt haben. Wo liegen die Unterschiede zu manch grober Kampfsportart? Und obliegt es tatsächlich dem Gesetzgeber, das zu verbieten?

 

Ralf Franek, Anwalt der Angeklagten, meint: nein! Er hat sich daher auf das verfassungsmäßige Recht zurückgezogen, dass jeder mit seinem Körper anstellen dürfe, was er will. Tauschen wir Hooligan X und Y gegen Edward Norton und Brad Pitt, mag vielleicht sogar ein ansonsten wenig gewaltaffiner Mensch der Sache klammheimlich Verständnis entwickeln. Entgegen anderslautender Berichte hat „Fight Club“-Autor Chuck Pahlaniuk aber nicht das Strafgesetzbuch geschrieben. Darauf wiederum berief sich der BGH und zitiert Paragraf 228: „Wer eine Körperverletzung mit Einwilligung der verletzten Person vornimmt, handelt nur dann rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt.“ Die Sittenwidrigkeit hielt jedoch erstinstanzlich schon das Landgericht Dresden für gegeben, allerdings nur bei einer der Schlägereien, da sich an dieser ungewöhnlich viele beteiligt hätten.

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Der Bundesgerichtshof ging nun sogar noch weiter: Auch verabredete Schlägereien seien prinzipiell sittenwidrig und damit strafbar. Heißt im Juristen-Sprech: „Anders als das angefochtene Urteil sieht er die Tätlichkeiten im Rahmen der verabredeten Prügeleien unabhängig von einer größeren Anzahl von Kämpfern auf beiden Seiten (und der Härte des Untergrunds am ‚Kampfort‘) als strafbare (gefährliche) Körperverletzungen an. Diese Bewertung leitet der Senat daraus ab, dass die Beteiligten rechtswidrig und schuldhaft den Straftatbestand der Teilnahme an einer Schlägerei (§ 231 StGB) verwirklichten, wofür die Einwilligung der Kämpfer in die Körperverletzungshandlungen nach der Gesetzesstruktur von vornherein keine rechtfertigende Wirkung entfalten kann.“

Allein die Mitgliedschaft in einer Gruppe kann eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen

Darauf fußt schließlich auch der wohl schwerwiegendste Teil der Entscheidung. Sinn und Zweck von Hooligan-Gruppierungen sind vordergründig eben keine Butterfahrten. Daher folgte der BGH auch dem Urteil des Dresdner Landgerichts, das Hooligan-Gruppen als kriminelle Vereinigungen eingestuft hatte. Allein die Mitgliedschaft sei ähnlich zu bewerten wie die Unterstützung einer Terrororganisation oder der Mafia. Paragraf 129 des Strafgesetzbuchs sagt hierzu: „Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, für sie um Mitglieder oder Unterstützer wirbt oder sie unterstützt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Rädelsführern oder Hintermännern droht ebenfalls eine Freiheitsstrafe – von mindestens sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

Nicht verschwiegen werden sollte gleichwohl, dass der BGH das Urteil gegen zwei der fünf Angeklagten abgemildert hat. In einem Fall sei der Schuldspruch auf Beihilfe zur schweren Körperverletzung zu reduzieren. Ferner könne der Überfall auf einen Döner-Imbiss der Gruppe nicht angelastet werden. Von diesem Tatvorwurf sind die Angeklagten also freizusprechen.

 Wie reagieren die Vereine?

Auch für alle anderen Hooligans dürfte der Richterspruch jedoch weitreichende Folgen haben. Allein die Mitgliedschaft in einer Gruppe könnte schon weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Inwiefern das die ohnehin weitgehend im Verborgenen aktive Szene beeinflusst, bleibt abzuwarten. Auch Vereine müssen sich jedoch überlegen, wie sie beispielsweise mit Fanutensilien von Hooligan-Gruppen umzugehen gedenken. Schwere Zeiten für harte Kerle. Der Bundesgerichtshof hat gesprochen. Ahu!