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National

Darf ich um etwas Ruhe bitten?

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 05. Mai 2014
Quelle: Youtube (Screenshot)

Gut, Trappatoni! Thomas Doll oder Bruno Labbadia waren ihrerzeit auch nicht schlecht. Manchmal raunzt Jürgen Klopp irgendwas von oben runter oder ein Gert-Jan Verbeek (war wohl mal Nürnberg-Trainer) macht einen auf Godot und bleibt schmollend der Veranstaltung fern. Eigentlich eine weise Entscheidung, geizen deutsche Pressekonferenzen im Alltag doch eben mit derlei viel zu wohl dosierten Highlights. Seien wir ehrlich: Die PK danach ist der Wurmfortsatz des Fußballspiels – braucht kein Mensch!

Ein kleiner Regionalligist aus dem Tecklenburger Land (bei Osnabrück, bei… irgendwo zwischen Dortmund, Bremen und Hannover), der im letzten Jahr noch viel beinaher in die 3. Liga aufstiegen wäre als in diesem, macht vor, wie es besser geht. Die Sportfreunde Lotte können sich regelmäßig der vielleicht spektakulärsten Pressekonferenzen des einigermaßen ambitionierten Halbprofifußballs rühmen. Und das ist ja auch was.

Die Zutaten für die gepflegte Abendunterhaltung: Günstige weiche Standortfaktoren (kleine Rivalitäten mit zuschauerträchtigen Ligakonkurrenten, große Vereine vor der Tür), kein Sicherheitspersonal und – ganz entscheidend – freie Platzwahl auf der Pressekonferenz für jeden, der sich ein Ticket fürs Spiel geleistet hat.

Erst am vergangenen Freitagabend nach dem Spiel gegen Rot-Weiss Essen sorgten mitgereiste Gästefans – einige davon unbestätigten Informationen zufolge nicht mehr ganz nüchtern – mehr oder weniger für einen Abbruch des Trainergesprächs. Das Video endet nicht umsonst recht abrupt: Die Presse hatte jedenfalls nach den Statements keine weiteren Fragen mehr. Der Kenner bemerkt wohlwollend die „Wollitz raus“-Rufe, die selbstreflexiv an einen Klassiker Lotteraner PK-Kultur gemahnen. Unbezahlbar übrigens die Mienen der Protagonisten, die angestrengt versuchen, um die Wette im Boden zu versinken.

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Deutschlandweit für Furore sorgten die offenbar gern gesehenen Fans des benachbarten VfL Osnabrück. Wenn der Ex-Coach mit seinem neuen Klub schon so unfern der Heimat unterwegs ist, gebietet es die Höflichkeit, ihm einen freundschaftlichen Besuch ab – allein der alten Zeiten halber. Bemerkenswert vor allem, wie viel Verständnis Fanflüsterer Wollitz für die aufgebrachte Meute aufbringt. Weil sie eben nur die eine Seite kennen…

 

 

Freie Pressekonferenz für alle! Schon bei früheren Anlässen zeichnete sich ab, welches Potenzial hinter der Idee steckt. Wenn der eigene Trainer allerdings beschwichtigend eingreift, mindert das den Erlebnisfaktor empfindlich. Hier steckte eben noch in den Kinderschuhen, was erst allmählich zu prächtiger Blüte reifte.

 
Nachdem wohl schon im Vorjahr nicht wenige den sympathischen Klub aus dem Tecklenburger Land und seine schrulligen Spieltagsgespräche wohl lieber in der 3. Liga gesehen hätten als Relegations-Gewinner RB Leipzig, wird es wohl auch in diesem Jahr sportlich nicht ganz für den Profifußball reichen. Vielleicht tut der DFB aber ja mal einen Sonderpreis für gepflegte Fußball-Unterhaltung raus. Verdient hätten sie’s.