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Hintergründe

„Da wird billigend in Kauf genommen, dass anderen etwas passiert“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 25. Mai 2015
Quelle: privat

Pyrotechnik im Stadion – im wahrsten Sinne ein heißes Thema. Doch wie gefährlich ist es wirklich, in einer vollen Fankurve ein Bengalo zu zünden? Und kann es einen Rahmen für ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik geben, wie es die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren, Emotionen respektieren“ fordert? Darüber sprachen wir mit Dirk Abolins, dem 1. Vorsitzenden des Bundesverbands für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk.

Herr Abolins, einmal alle Sicherheitsbedenken beiseite – sieht Pyrotechnik im Stadion nicht einfach gut aus und kreiert eine ganz besondere Atmosphäre?
Nun ja, als Pyrotechniker kann ich nicht so einfach aus meiner Haut und alle Sicherheitsbedenken einfach zur Seite wischen – das geht einfach nicht. Pyrotechnik ist ein Gefahrgut, da kann man keine Sicherheitsbedenken beiseite schieben.  Die sollte man immer im Auge haben. Aber klar: Feuerwerk ist schön. Meistens ist es der Höhepunkt von Großveranstaltungen. Feuerwerk ist Ausdruck von Lebensfreude. Nur muss ich es eben immer in Zusammenhang setzen mit der Verantwortung, die mit dem Umgang mit solchen Artikeln einhergeht.

„Feuerwerk ist Ausdruck von Lebensfreude.“

Über welche Gegenstände sprechen wir denn konkret, wenn wir über Pyrotechnik im Stadion sprechen? Was wird dort verwendet?
Das, was hinlänglich als Bengalos bezeichnet wird, sind in den meisten Fällen bengalische Starklichtbränder oder Seenotfackeln, die meistens ein sehr helles Magnesiumlicht in weiß oder rot erzeugen und dabei mit einer sehr hohen Temperatur abbrennen. Gerade bei den Seenotfackeln geht damit auch eine sehr starke Rauchentwicklung einher. Diese Gegenstände sind eben dafür da, Beleuchtungseffekte bei normalem Feuerwerk zu erzeugen, oder eben – wie der Name schon sagt – Schiffbrüchigen bei der Rettung zu helfen.

Wie sieht denn die rechtliche Situation bei diesen Gegenständen aus? In welche Katergorien lassen sich diese einordnen?
Die meisten dieser Artikel werden in der Kategorie T1 eingeordnet. Das ist eine Kategorie, die für technische Zwecke gedacht ist. Dort finden wir sehr viel Bühnen-Pyrotechnik, also das was man auch bei Film- und Fernsehveranstaltungen zu sehen bekommt oder eben bei Konzerten und anderen Veranstaltungen. Das ist alles eingestuft in die Kategorie T1 oder T2 und somit an darstellende Zwecke gebunden. Gegenstände der Kategorie T1 sind für jedermann ab 18 Jahren frei erhältlich – allerdings entsprechend zweckgebunden. Das Abbrennen von Pyrotechnik ist eine feuergefährliche Handlung und muss daher angemeldet werden, gerade dann wenn es sich um einen Einsatzort handelt, an dem sich viele Menschen aufhalten. Da greift die Versammlungsstättenverordnung.

„Ich halte das für sprichwörtlich leichtsinnig.“

Nun ist ein Fußballstadion ja solch ein Ort, an dem sich viele Menschen aufhalten. Wie gefährlich ist es, in einer vollen Kurve Pyrotechnik zu zünden?
Ich halte das für sprichwörtlich leichtsinnig. Auch wenn man sagt, man passt auf, kann es immer passieren, dass man im Gedränge angestupst wird, die Fackel aus der Hand verliert und diese dem Vordermann in den Nacken fällt. Das ist natürlich der Super-GAU. Wenn diese heißen Magnesiumfackeln in Kontakt mit der Haut kommen, brennen die sich natürlich sofort ein. Der zweite Gefährdungsaspekt ist die Rauchentwicklung, gerade bei den Seenotfackeln. Wenn man dann in diesem sehr dichten Qualm steht, ist das nicht gerade gesundheitsfördernd. Auch der farbige Rauch, der aus sogenannten Rauchtöpfen empor steigt, ist nicht gerade unbedenklich.

Schauen wir uns doch einmal an, wie so eine Pyroaktion im konkreten Fall aussehen kann:

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Welche Gegenstände werden hier verwendet? Und wie sieht es hierbei mit der Sicherheit aus?
Man sieht, dass hier neben Blink-Bengalen auch Batteriefeuerwerk, also Bombetten in den Himmel geschossen werden, die teilweise auch im Zuschauerblock explodieren, was ja auch nicht so das Wahre sein kann. Auch die Bengalen und Blinkeffekte werden mitten in den Zuschauern gezündet. Das geht – offen gesprochen – gar nicht. Das Problem ist halt: Wenn mit solchen Artikeln etwas passiert, wird immer nach höheren, schärferen Auflagen geschrien und dann werden die Sachen irgendwann ganz verboten. Das heißt, diejenigen, die hier Pyrotechnik leichtsinnig oder sogar fahrlässig einsetzen, riskieren damit, dass alle anderen darunter leiden müssen.

Ein anderes Beispiel:

Diese Aktion war sogar im Vorfeld von der Stadt Erfurt genehmigt worden, dennoch brummte der DFB dem Verein eine Geldstrafe auf. Ihre Einschätzung?
Ich habe mir im Vorfeld überlegt welchen Kompromiss es denn für die Verwendung von Pyrotechnik im Stadion geben könnte, um das Spektakuläre des Feuerweks mit den gesetzlichen Vorschriften in Einklang zu bringen. Da sind wir im Fall der Erfurter schon recht nah dran: Man schirmt ab, man hält die entsprechenden Schutzabstände ein und kann trotzdem einen spektakulären Effekt erzielen. Das müsste dann natürlich auch mit dem DFB abgestimmt sein. Da steckt der Teufel allerdings im Detail. Hier in dem Beispiel kann es natürlich auch passieren, dass diese Bengalos, je nach Typ, eine heiße Schlacke produzieren, die dann auf die Tartanbahn tropft. Dabei können dann natürlich auch hohe Schäden entstehen. Da gibt es eben sehr viele Dinge, die man im Auge behalten muss. Nichtsdestotrotz gibt es ja den Einsatz von Pyrotechnik bei Veranstaltungen. Ich erinnere mich da an die Eröffnung der Allianz Arena, da gab es zum Beispiel eine große Pyroshow. Auch in der Schalker Arena hat es schon Indoor-Feuerwerk gegeben. Es scheint also schon zu funktionieren, da muss man dann halt mit den Verbänden abstimmen, was erlaubt ist und was nicht.

Es gäbe also schon einen Rahmen, in dem man Pyrotechnik im Stadion kontrolliert abbrennen könnte, wie es auch die Kampagne „Protechnik legalisieren, Emotionen respektieren“ fordert?
Das wird ja auch gemacht. Wie gesagt, bei der Eröffnung der Allianz Arena wurden die Logos der beiden Münchner Vereine als Lichtbild auf den Rasen gezaubert. Das sind Sachen, die angemeldet und genehmigt worden sind, wo der DFB nichts gegen hatte. Das muss halt abgestimmt werden. Man kann im Rahmen eines Fußballspiels eine Feuerwerksfirma damit beauftragen, ein Feuerwerk zu arrangieren und das dann entsprechend mit den Behörden und dem DFB abstimmen. Das ist möglich, das zeigen zahlreiche Beispiele. Was aber auf keinen Fall geht, ist dieses anarchische Verhalten wider jeder Vernunft und wider jeder Gesetzeslage, solche Dinge inmitten von Zuschauern abzubrennen. Diese Leute schaden der Sache mehr als dass sie ihr dienen.

„Die Möglichkeiten gibt es, man muss sie nur nutzen.“

Der Weg zum Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion führt also nur über ausgebildete Fachkräfte?
Ja, klar. Wer im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung explosionsgefährliche Stoffe einsetzt, braucht eine Erlaubnis. Das ist im Sprengstoffgesetz und in der Sprengstoffverordnung geregelt. Solch eine Erlaubnis haben zum Beispiel Feuerwerksfirmen. Die Möglichkeiten gibt es also, man muss sie nur nutzen. Wahrscheinlich ist den meisten Fans das aber zu viel Aufwand und zu teuer. Aber unsere Gesetzeslage ist nun einmal so, dass abhängig von den eingesetzten Effekten nur Leute mit entsprechender Erlaubnis und Befähigung Pyrotechnik im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen verwenden dürfen.

Das ist ja beim Zünden von Pyro in der Kurve nicht gegeben. Dennoch wurde kürzlich ein Fan von einem Gericht freigesprochen, obwohl er zugegeben hatte, einen Rauchtopf gezündet zu haben. Ein Urteil mit Signalwirkung?
Die Rechtslage ist da durchaus komplex. Das hängt immer davon ab, welcher Gegenstand konkret abgebrannt wurde. Ist es ein Gegenstand, den man legal erwerben kann, handelt es sich lediglich um eine Ordnungswidrigkeit, da er das Abbrennen nicht angemeldet hat oder die Gebrauchsanweisung zum Beispiel durch Nichteinhalten von Schutzabständen missachtet hat. Bei Artikeln, die nicht legal erworben wurden, ist das Ganze schon schwerwiegender. Mich wundert allerdings, dass solche Verfahren nicht häufiger unter fahrlässiger Körperverletzung laufen. Da wird billigend in Kauf genommen, dass anderen etwas passiert. Da kann man noch so oft sagen „Ich passe auf“, wenn zum Beispiel ein Tor fällt, ist es schwer sich gegen 100 oder 200 drängelnde Leute zur Wehr zu setzen.

Trotz Verboten wird nach wie vor an jedem Wochenende irgendwo im Stadion Pyrotechnik gezündet. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung bei dieser Thematik?
Ich denke die Fanverbände tun gut daran, ihre Mitglieder dahingehend ins Boot zu holen, auf den Gebrauch von Pyrotechnik in Fankurven zu verzichten. Das ist der größte Dienst, den man der Sache erweisen kann. Das würde der legalen Verwendung Vorteile bringen und die Akzeptanz für vernünftig durchgeführte Aktionen steigern. Das setzt natürlich voraus, dass sich die Fangruppen da entsprechend organisieren würden und Feuerwerksfirmen beauftragen, was natürlich auch entsprechende Kosten mit sich bringt. Ich vermute allerdings, dass das nicht so ganz das ist, was im Sinne der Fans steht. Aber je mehr illegal gezündet wird, desto schlimmer wird es und desto höher werden die Auflagen. Das muss man deutlich machen. Deswegen lautet mein Appell an die Fanverbände, die Mitglieder zum Verzicht auf illegales Abbrennen von Pyrotechnik aufzurufen und solche Aktionen auch nicht als Heldentaten zu feiern.

Dirk Abolins ist Fan von Arminia Bielefeld und 1. Vorsitzender des Bundesverbands für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk. Der ausgebildete Pyrotechniker ist gleichzeitig auch Gefahrgutbeauftragter und gibt Vorträge zum sicheren Umgang mit Feuerwerk.