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National

BVB-Fanprojekt fordert sachliche Diskussion

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 10. Februar 2017
Quelle: imago

Nach den Vorfällen rund um die Partie von Borussia Dortmund gegen RB Leipzig meldet sich nun auch das Fan-Projekt Dortmund mit einer Stellungnahme zu Wort.

Dabei verurteilt das Fan-Projekt die gewalttätigen Vorfälle und wünscht allen Verletzten eine gute und schnelle Genesung, fordert vor allem aber auch eine Versachlichung der emotional aufgeladenen Diskussion. So gebe es etwa keinen pauschalen Zusammenhang zwischen den Plakaten auf der Südtribüne und den gewalttätigen Ereignissen vor dem Stadion.

Hinsichtlich der dortigen Situation wirft auch das Fan-Projekt die Frage auf, ob dort nicht zu wenig Polizeikräfte im Einsatz waren. Die Einschätzung, dass es sich bei den Vorfällen um eine „nie dagewesene Eskalation der Gewalt“ handle, könne das Fan-Projekt ebenfalls nicht teilen.

Nachfolgend die Stellungnahme des Fan-Projekt Dortmund e.V. im Wortlaut:

Viel ist in den letzten Tagen über das Spiel am Samstag gesagt und geschrieben worden, nach ausführlicher Betrachtung der Vorfälle und deren Folgen möchten auch wir uns zu den Ereignissen äußern. Dabei sind wir vor allem bemüht eine Sachlichkeit in die Berichterstattung und Diskussion zu bringen, im Rahmen der Aufarbeitung unseren Teil beizutragen und unserer Rolle als sozialpädagogische Jugendeinrichtung für Fußballfans gerecht zu werden. Die folgende Stellungnahme spiegelt die Einschätzungen und die Erfahrungsberichte unsererseits wider.

Zuallererst wünschen wir allen verletzten Personen eine gute und schnelle Genesung.

Wenn Steine und Flaschen auf Menschen geworfen werden, losgelöst davon ob es sich dabei um Männer, Frauen oder Kinder handelt, ist das ein nicht hinnehmbares Vorgehen, das unentschuldbar ist und welches es entsprechend strafrechtlich zu sanktionieren gilt. Dies ist Aufgabe der Polizei und der Justiz.

Bei aller emotionalen Aufgeladenheit bedarf es den Anspruch einer sachlichen, kritischen und zielführenden Aufarbeitung der Ereignisse. Reflexartige Reaktionen und überzogene Forderungen, teils populistisch und hysterisch verfasst, der Medien oder von Personen in Führungspositionen, verfehlen dagegen häufig diesen Anspruch und entsprechen nicht immer den Tatsachen.

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Dass Rasenballsport Leipzig sehr kritisch und ablehnend in der deutschen Fußballfanszene gesehen wird ist nicht neu. Schon bei vielen vorangegangenen Spielen der Leipziger, ob im heimischen Stadion oder bei Auswärtsspielen, wurde dies auf unterschiedlichster Weise geäußert und nicht selten wurden diese Spiele von Protestaktionen begleitet.

So formierte sich auch schon zum Hinspiel vom BVB in Leipzig ein Protest in Dortmund. Die aktive Fanszene blieb dem Spiel in Leipzig fern und lud stattdessen zu einem alternativen Programm in Dortmund ein. Erst wurde das Heimspiel der U23 gegen den Wuppertaler SV im Stadion Rote Erde besucht, danach fand an gleicher Stelle ein komplett friedlich verlaufendes Fanfest statt. Dabei verfolgte man gemeinsam die Radioübertragung des Spiels in Leipzig.

Auch zum Rückspiel in Dortmund wollte man gegen Rasenballsport Leipzig protestieren.
Was die Protestformen am Samstag angeht, gilt es stark zu differenzieren. So sollte man die über 50 Plakate auf der Südtribüne in keinem pauschalen Zusammenhang mit den Vorfällen auf der Strobelallee setzen. Auch eine Pauschalisierung hinsichtlich „einer Wand aus Hass-Plakaten“ oder Ähnlichem können wir nicht teilen. Es gab eine geringe Anzahl von Plakaten die stark diffamierend, gewaltverherrlichend, und geschmacklos waren. Der Großteil der Plakate bediente sich dagegen einer kreativen Stilistik oder waren zwar hart in der Ausdrucksform, aber mit dem Recht auf Meinungsfreiheit vereinbar. Gleiches gilt für die Plakate die in der Nacht vor dem Spiel in Dortmund aufgehangen wurden. Klar ist auch, dass es sich dabei formal um eine Ordnungswidrigkeit handelt.

Zudem haben auch Vereinsfunktionäre und Fansprecher ein Recht auf Meinungsfreiheit, um ihre Kritik gegenüber Rasenballsport Leipzig vorzutragen. Dies geschah im Vorfeld des Spiels in einer Weise, die eben nicht dazu dient darin nun eine Mitschuld bzw. sogar den Auslöser der Gewaltausbrüche am Samstag zu sehen.

Dass die Gewalt so eskalierte ist nicht hinnehmbar. Aber auch hier sollte man bei der Aufarbeitung differenziert und sachlich vorgehen. Die Infrastruktur und baulichen Gegebenheiten rund um das Dortmunder Stadion lassen keine hundertprozentige Fantrennung zu. Die Polizei kann zwar mit einem massiven Aufgebot Gästefans zum Stadioneingang begleiten, kreuzt dabei aber grundsätzlich auch die Anreisewege der Heimfans. So ist der Biergarten am Stadion Rote Erde und die benachbarte Gaststätte auf der Strobelallee ein beliebter Fan-Treffpunkt vor dem Spiel. Das sich dort eine so massive Anzahl von Fans vor dem Spiel am Samstag traf ist so nicht der Regelfall, aber auch nicht komplett ungewöhnlich.

Drei Mitarbeiter des Fan-Projekts befanden sich ebenfalls vor Ort. Unserer Wahrnehmung nach versammelte sich am Samstag ein Querschnitt der Dortmunder Fanszene an der Roten Erde: Ultras, Fanclubs, Kleingruppen und Einzelpersonen. Nach welcher Dynamik sich die Eskalation auf Dortmunder Seite nun dermaßen entlud, als eine größere Gruppe Leipziger Fans die gegenüberliegende Seite des Bürgersteiges der Strobelallee entlang lief, ist nicht eindeutig auszumachen. Blieb es anfangs noch bei Pöbeleien und Beleidigungen, flogen kurz darauf neben Eiern und Farbbeuteln auch Flaschen und andere Gegenstände in Richtung der Leipziger Fans. Das dabei bewusst Frauen und Kinder anvisiert wurden ließ sich unserer Ansicht nach nicht erkennen. Dass darauf zumindest keine Rücksicht genommen wurde, wenn man Gegenstände in eine große Menschenmenge wirft, sollte aber klar sein.
Nach Einschätzung der Polizei sollte der Leipziger Mannschaftsbus gewaltsam gestoppt und angriffen werden. Bleibt die Frage, warum dann nur sehr wenig Polizeikräfte die Strobelallee sicherten bzw. diese nicht räumte. Überhaupt schien die Polizei unterrepräsentiert, wie die Kollegen vom Leipziger Fanprojekt berichteten. Obwohl es nach ihren Aussagen schon ähnliche Vorgänge bei Spielen in anderen NRW-Städten gab (Bochum und Köln), erfolgte der Weg vom Stadionbahnhof bis zum Gästeeingang größtenteils ohne Polizeibegleitung. Auch da kam es schon zu Attacken auf Leipziger Fans.

Festzuhalten gilt, dass es sich am Samstag um keine reine Ansammlung von Ultras handelte. Auch das es sich um eine neue, nie dagewesene Eskalation der Gewalt handelt können wir so nicht teilen. Da gab es beispielsweise in den letzten Jahren rund um die Revierderbys ein -leider- deutlich höheres Gewaltaufkommen. Ebenso sind wir noch weit von den Zuständen an gleicher Stelle Ende der 1980er Jahre entfernt.

Was bei der Aufarbeitung nun eine tragende Rolle spielen wird, ist die Selbstreflexion aller beteiligten Parteien. So stellen wir uns natürlich auch die Frage, inwieweit wir die Situation am Samstag falsch eingeschätzt haben. Eine Frage, die sich ebenso die Polizei, der Verein und natürlich in erster Linie die Fans stellen sollten. Dabei wird eine Isolierung durch das Verfolgen eigener Interesse die Aufklärung und vor allem die zukünftige Handhabung nur erschweren. Der Dialog zwischen allen Parteien ist unersetzlich.

Fan-Projekt Dortmund e.V.
Dortmund, 09.02.2017