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Hintergründe

„Beim Thema Transparenz gibt es in der Bundesliga riesige Unterschiede“

Autor: Mirko Lorenz Veröffentlicht: 09. Juli 2015
Quelle: responsiball.org

RESPONSIBALL ist eine Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, mehr Transparenz im Fußball zu erreichen. Dafür erstellt sie jährliche Rankings und vergleicht die europäischen Ligen im Bezug auf ihre gesellschaftliche Verantwortung (“Corporate Social Responsibility“ – CSR“). Dieses Jahr startet sie mit „Strip my Club“ erstmals eine Crowdfounding-Kampagne, um Gelder für nationale Rankings zu sammeln. Wir haben uns mit dem Geschäftsführer Rolf Schwery unterhalten:

Hallo Herr Schwery, stellen Sie uns RESPONSIBALL doch einmal genauer vor.  

RESPONISBALL ist eine Initiative, die wir vor fünf Jahren lanciert haben, mit der Vision, dass Fußballclubs ähnlich wie ordentliche Unternehmen nicht nur über die finanzielle Seite Rechenschaft ablegen sollten. Die Idee ist aufgebaut auf den drei bestehenden Säulen des CSR. Wir betrachten wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte. Daraus haben wir drei sogenannte Pfeiler gebildet, auf dessen Grundlage wir versucht haben, Indikatoren zu finden, um die Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung von Fußballklubs einschätzen zu können.

„Nach unserer Vision sollen Fußballclubs wie ordentliche Unternehmen Rechenschaft über ihre Aktivitäten ablegen“

Wie kamen Sie zu der Idee die Nachhaltigkeit von Fußballclubs zu hinterfragen?

Das Kerngeschäft unserer Beratungsfirma Schwery Consulting ist „Sustainable Eventmanagement“, also wie man Veranstaltungen nachhaltiger machen kann. Das sind nicht ausschließlich Fußballevents. Wir haben in diesem Bereich schon relativ viel Erfahrung mit Festivals und anderen Sportevents gesammelt. Es besteht ein internationales Netzwerk betreffend sozialer Verantwortung, das heißt GRI (Global Reporting Initiative). Schwery Consulting war Teil einer Arbeitsgruppe, um spezifische Richtlinien zu entwickeln für sportliche und kulturelle Events. Natürlich hilft uns diese Plattform, um an Klubs heranzutreten und ihnen Dienstleistungen im Bereich Nachhaltigkeitsberichterstattung zu verkaufen. Aus dieser Arbeit heraus sind RESPONSIBALL und das Ranking entstanden.

Welche Rechtsform hat ihr Unternehmen?

Wir nennen uns eine „Social Entrepreneurship“; ein gesellschaftlich engagiertes Unternehmen. Daher sind wir nicht wirklich profitorientiert. Aktuell sind wir gezwungenermaßen als Einzelunternehmen registriert, da es keine Rechtsform “Social Entrepreneurship” gibt. Wenn wir als NPO (Non-profit Organisation) registriert wären, hätten wir einige Hindernisse, um unsere Dienstleistungen den Vereinen und Verbänden anzubieten. Rechtlich und steuerlich werden wir wie ein normales Unternehmen behandelt.

Woher nehmen sie das Geld für RESPONSIBALL?

Die Finanzierung ist immer schwierig. Mit einer Finanierung durch die FIFA oder UEFA besteht das Risiko, dass wir die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit verlieren würden. Was nicht in Frage kam, war sich einen großen Sponsor zu suchen, der schon im Fussball bei einem Club aktiv ist. Wenn man mit einem Trikot-Sponsor liiert ist, bekommen Fans schnell den Eindruck, das Clubs mit diesem Sponsor besser abschneiden. Außerdem ist es in einem Unternehmen mit sozialem Hintergrund natürlich auch wichtig, dass der Sponsor auch ein Vorbild in diesem Bereich ist; viele Banken, Ölfirmen und Wettbüros fallen da natürlich weg. Deswegen haben wir ein relativ enges Feld, was potenzielle Sponsoren betrifft. Bisher ist es noch eine „Pro Bono“-Initiative, die hauptsächlich querfinanziert ist durch unsere laufenden Geschäfte von Schwery Consulting.

„Mit einer Finanierung durch die FIFA oder UEFA könnte man die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit verlieren.“

Wie viele Mitarbeiter haben Sie und was sind ihre Ziele?

Wir sind noch ein sehr kleines Team, greifen aber viel auf Volunteers und Studenten zurück. Bei der Durchführung der Studie greifen wir auch auf ein Forschungsteam von Universitäten zurück. Irgendwann hoffen wir natürlich, mit unserer Idee abheben zu können, dass heißt, nicht nur als „Pro Bono“-Initiative, sondern auch als von Schwery Consulting unabhängige NGO zu arbeiten. Dazu müssen wir aber klare Sponsoren zu finden, welche die Unabhängigkeit garantieren.

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Was macht RESPONSIBALL genau?

RESPONSIBALL ist nicht nur das „Social Responsibility-Ranking“, auch wenn das das Herzstück geworden ist. Neben dem Ranking haben wir noch eine relativ große Good-Practice-Datenbank. Wir sprechen absichtlich nicht von „Best Practice“, da dies sehr überheblich tönt.

(Anm. der Redaktion: Ein von Responsiball genanntes Beispiel für „good practise“: Unter dem Motto „FAIR ways – Wir übernehmen Verantwortung“ versammelt der SC Freiburg seit der Saison 11/12 maximal elf Partner. Jährlich werden gemeinsam Projekte oder Einrichtungen aus den Bereichen Bildung oder Ökologie gefördert.)

Wieso haben sie jetzt die Initiative „Strip my Club“ gestartet?

Die Idee von „Strip my Club“ ist es, ein länderinternes Ranking von den Clubs zu etablieren und nicht nur den Vergleich der Länder. Das Club-Ranking wäre sehr spannend, wir sehen schon für das Länderranking riesige Unterschiede innerhalb der Bundesliga. Einige Clubs haben in dieser Thematik nicht mal einen Ansprechpartner. Die Entscheidung eine Crowdfounding-Kampagne zu starten haben wir getroffen, weil dieses Thema für Fans besonders interessant ist. Die meisten sind ja nicht in erster Linie Fans von einer Nationalmannschaft, sondern haben einen Lieblingsverein. Da interessiert es sie natürlich, wie dieser im Vergleich mit anderen abschneidet. Mit der Kampagne wollen wir Fans für das Thema Transparenz sensibilisieren.

„Wir sehen riesige Unterschiede innerhalb der Bundesliga.“

Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Viele Manager haben das zwar verstanden, dennoch wird häufig vorrangig nach finanziellen Aspekten entschieden. Wie sehen sie das?

Das ist das Problem der Clubs. Ein sehr großer Teil der Finanzen wird weiterhin nur in Spieler investiert. Daher fehlt teilweise das Geld, um das „Business“ professionell zu betreiben. Das Beschaffungswesen als Beispiel: Jeder kann für sich entscheiden, wo seine Produkte gekauft werden, aber man muss sich auch der Konsequenzen bewusst sein. Ein Klub, der auch Kinderfußball fördert, sollte doch darauf achten, nicht Bälle zu kaufen, die mit Kinderarbeit produziert wurden. Wenn man das macht, ist das ein stetes Risiko, dass es irgendwann zum Boomerang wird.

Wenn sie Nachhaltigkeitsberichte machen, wären die kommenden Fußballweltmeisterschaften interessant für Sie und gibt es da möglicherweise schon konkrete Planungen?

Die FIFA hat ja einen ersten Bericht zur Fussball-WM in Brasilien publiziert. Für Russland ist der Prozess schon relativ weit fortgeschritten, aber es wird vor allem mit internen Ressourcen abgedeckt. Wichtig wäre auch, eine Impakt-Studie zu machen, um zu zeigen, wie sich die WM auf die Gastgeberländer auswirkt. Leider ist die FIFA momentan mehr mit sich selbst beschäftigt, um solche Aufgaben professionell anzugehen und Russland ist auch nicht gerade kooperativ. Es sei denn, es wird Druck auf sie ausgeübt, der sie dazu mehr oder weniger zu dieser Notwendigkeit zwingt.

„Bei einer Weltmeisterschaft würde die FIFA in den Rankings relativ gut abschneiden.“

Wie würde denn die FIFA oder UEFA in ihren Rankings abschneiden?

Das kann ich nicht so genau sagen. Das Ranking betrachtet hauptsächlich, wie man Spiele oder Events organisiert. Die Hauptaufgabe der FIFA ist nicht die Organisation der Turniere, das macht schon eine separates Management. Viele Aspekte die wir in unserem Clubranking haben, sind für eine Organisation oder Verband weniger relevant. Wenn man die Indikatoren allerdings auf eine Weltmeisterschaft anlegt würden sie sicherlich relativ gut abschneiden. Klar haben sie bei Weltmeisterschaften ein professionelles Abfallmanagement, klar haben sie eine professionelles Management betreffend der Behinderten, klar haben sie eine klare Strategie bezüglich Rassismus. Von der WM in Brasilien gibt es einen Nachhaltigkeitsbericht, das haben in der Bundesliga nur ganz wenige. Aber die haben natürlich auch das x-fache Budget. Daher macht es keinen Sinn, eine FIFA-Weltmeisterschaft mit einem Bundesligaverein oder einem Klub in Montenegro zu vergleichen. Vergleichen wir die WM in Brasilien aber mit den Olympischen Spielen in London wird man sicher zum Schluss kommen, dass die FIFA im Bereich Sozialverantwortung noch einiges besser machen kann – ja besser machen muss.