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National

Bayer-04-Fans beklagen Arroganz von Spielern und Verantwortlichen

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 26. November 2015
Quelle: imago

Auch wenn immerhin ein Punkt herausgesprungen ist, saß die Enttäuschung nach dem 1:1 in Borisov tief bei Spielern, Verantwortlichen und Fans von Bayer Leverkusen. Damit mag sich womöglich erklären lassen, dass alle nach Abpfiff etwas schmallippig waren. Dass sich die Spieler nach der gut 1.700 Kilometer langen Auswärtsreise aber die wenigen Meter bis in die Fankurve sparten und nur kühl aus der Distanz herüberwinkten, trübte den guten Eindruck der Fahrt bei vielen Fans nachhaltig.

Ihre Stellungnahme zu der Reise hat die „Nordkurve 12“ sogar mit „Bayer 04, quo vadis“ überschrieben. Das von „Ignoranz und Arroganz“ geprägte Auftreten in Borisov sei im Grunde nur ein Spiegelbild der letzten Wochen gewesen. „Das war schwach und bestätigt erneut den bereits so oft gewonnenen negativen Eindruck, schade!“

Schlussfolgernd fordern die Bayer-Fans von der Vereinsführung: „Ändert den Kurs, sorgt für Identifikation, Leidenschaft und legt Wert auf einen anständigen Umgang mit euren treuesten Fans! Lebt den Verein und verwaltet ihn nicht nur.“

Nachfolgend die Stellungnahme der Nordkurve 12 im Wortlaut:

Die Tour zum Champions League-Spiel im weißrussischen Borisov wird für alle Mitreisenden wohl lange in Erinnerung bleiben. Auf der einen Seite konnten sehr viele positive Eindrücke gesammelt und tolle Erfahrungen gemacht werden. Eine wirklich bemerkenswerte Reise mit dem Fanflieger ohne Zwischenfälle und Komplikationen liegt hinter uns und dafür möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal vor allem bei Sebastian Pöschke für die außergewöhnlich gute Organisation, aber auch bei jedem einzelnen Mitreisenden für ein absolut vorbildliches Verhalten bedanken! Es war wunderbar zu sehen, wie Fans jeglicher Couleur und von Jung bis Alt wunderbare Erlebnisse miteinander verbrachten. Ein toller Tag für die Fanszene, der jedoch zum Abend hin in absoluter Ernüchterung enden sollte.

Und dies liegt nicht nur daran, dass der Einzug in das Champions League-Achtelfinale mit großer Wahrscheinlichkeit verspielt wurde und nun auch noch das komplette Aus im internationalen Geschäft droht, sondern eben auch daran, wie seitens Mannschaft und Vereinsführung damit umgegangen wurde. Dass es in unserem Team seit einiger Zeit weder sportlich rund läuft und dazu oftmals auch noch die nötige Motivation, Einstellung und Leidenschaft fehlt, mussten wir nicht zuletzt im Derby schmerzlich erfahren. Die Art und Weise, wie diese Niederlage zustande gekommen war, ist nicht zu entschuldigen und dennoch wurde das Team sowohl im darauf folgenden Match in Frankfurt sowie vorgestern in Borisov absolut ohne Vorbehalt unterstützt. Obwohl es innerhalb der Fanszene Überlegungen gab, die Mannschaft nach der Derbyniederlage noch einmal deutlich darauf hinzuweisen, wie unzumutbar diese leidenschaftslose Vorstellung war, verzichtete man letztendlich doch bewusst darauf und wollte die Konzentration auf den Support für die bevorstehenden wichtigen Begegnungen legen. Nach den  Vorfällen von vorgestern allerdings, ist es nun an der Zeit, dass wir als NK12 nun unserer Pflicht nachkommen und als Sprachrohr für die Fanszene agieren. Denn hier brodelt es gewaltig!

So gab es in jener Nacht am Flughafen von Minsk rege Diskussionen unter den mitgereisten Fans, die alle einen gemeinsamen wie erschreckenden Tenor hatten: Die Verbundenheit zwischen den aktiven und treuesten Fans und dem Verein sowie auch der Mannschaft hat in den letzten Monaten erheblich nachgelassen und das augenscheinlich beiderseitig. Bittere Erfahrungen, die unsere Fans vorgestern persönlich miterleben mussten, waren dabei nur ein weiterer Mosaikstein für Tendenzen, die wir schon seit Monaten erleben und die nun einfach auch öffentlich zur Sprache kommen müssen.

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Dass die Mannschaft es nicht für nötig hält, nach dem sehr wahrscheinlich gewordenen Champions League-Aus den Weg bis in die Kurve zu finden, wo 300 der treuesten Bayer 04-Fans trotz eines nicht gerade begeisterndem Spiels und weißrussischer Kälte 90 Minuten lang das Team supportet haben, sagt schon einiges über den Charakter der Akteure aus. Eine Distanz von über 1.700 Kilometern haben die Mitgereisten bewältigt, um das Team bei diesem so wichtigen Spiel zu unterstützen. Die Spieler wiederum schaffen es nicht, die letzten 30 Meter bis zum Gästeblock zurückzulegen und sich dafür bei den Fans zu bedanken, sondern winken hingegen kurz aus der Distanz.

Weitere Gelegenheiten den mitgereisten Fans ein paar Worte des Dankes, der Anerkennung oder überhaupt nur eine Geste in irgendeiner Form zukommen zu lassen, wurden in der Nacht am Flughafen in Minsk seitens der Spieler nicht nur ebenfalls komplett versäumt. Die distanzierte und befremdliche Art und Weise des Auftretens der Mannschaft – geprägt von Ignoranz und Arroganz – war sicherlich für alle Anwesenden Fans eine Erfahrung, mit der man wohl so hätte rechnen können, auf die man aber letztendlich doch gerne verzichtet hätte. Statt einem kurzen „Hallo“, „Schön, dass ihr da seid“, „Danke für eure Unterstützung“ oder sonstigem Smalltalk, lag die Priorität der Spieler vornehmlich darin, möglichst flink und dem Vermeiden von Augenkontakt an den verblüfften Fans vorbeizukommen. Selbst Fotowünsche wurden zum Teil abgelehnt oder ignoriert. Gutes Benehmen sieht anders aus!

Wir als NK12, aber auch die UL, der Fanbeirat oder sonstige Fanvertreter hatten über die Jahre hinweg vielleicht nicht durchgängig, jedoch immer wieder einmal eine gute, teilweise kontroverse, aber in jedem Fall konstruktive Kommunikation mit Teilen der Mannschaft. Identifikationsfiguren wie Simon Rolfes und Stefan Reinartz, die wir als sehr angenehme Gesprächspartner erleben durften, haben den Verein mittlerweile verlassen. Stefan Kießling und Lars Bender, als Persönlichkeiten, die auf Menschen zugehen und auch Fans als Ansprechpartner auf Augenhöhe betrachten, waren nicht vor Ort. So fragten sich die Anwesenden in der gestrigen Nacht, ob den verbleibenden Spielern tatsächlich dem Austausch mit den Fans des eigenen Vereins keinerlei Relevanz mehr beigemessen wird. Lebt man als Fußballprofi heutzutage tatsächlich in einer Parallelwelt? Verlernt man als Profispieler die einfachsten Tugenden und seine gute Kinderstube? Schaltet sich die Welt um einen herum ab, sobald man den Schlüssel seines Ferraris umdreht? Ist die Selbstvermarktung wichtiger, als die Leistung auf dem Platz oder dem Umgang mit den Fans? Vieles deutet daraufhin. Wertschätzung ist keine Einbahnstraße, dies müssen unsere Spieler endlich wieder verinnerlichen.

Doch noch weitaus weniger angemessen, als die Protagonisten auf dem Spielfeld, hat sich in dieser Nacht – man muss leider sagen wieder einmal – unsere Vereinsführung verhalten. Junge Erwachsene machen Fehler und sind der Gefahr ausgesetzt, dass sie durch den Hype um ihre Person und beim Blick auf das Gehaltskonto schnell jenen für die Realität verlieren. Jedoch verhalten auch diese Jungs sich oftmals so, wie es ihnen vorgelebt und vorgegeben wird. In dieser Angelegenheit hat sich einmal mehr unsere Vereinsspitze nicht mit Ruhm bekleckert.

Der selbsternannte „Fan der Fans“ stellte sich gar nicht erst der Diskussion mit den treuesten Anhängern und zischte ungewohnt wortlos ab durch die Mitte. Wann immer es seitens der Fans Verfehlungen gibt, spart man nicht an klaren, deutlichen Worten. Es wäre schön, wenn dies bei dem, was die Hauptsache sein sollte, nämlich den neunzig Minuten auf dem Rasen, auch einmal der Fall wäre. Die Optimierung des Services in der BayArena, neue Toilettenanlagen und die Akquise neuer Kunden und Sympathisanten sind schön und gut. Eine Gelegenheit zum Austausch mit denjenigen, die für Bayer 04 viel mehr geben, als ein paar Euro an Würstchenstand oder Fanshop, sollte allerdings niemals einfach so ausgelassen werden. Das war schwach und bestätigt erneut den bereits so oft gewonnenen negativen Eindruck, schade!

Unserer obersten sportlichen Leitung hingegen sollte man zunächst zwar anrechnen, für einen Austausch mit den Fans Rede und Antwort gestanden zu haben, wie sich das Gespräch dann entwickelte, ging allerdings in eine völlig falsche Richtung. Hier wurde leider auch zum wiederholten Male die Kritikresistenz der sportlichen Führung deutlich. Man darf gerne geteilter Meinung sein, die Wortwahl des Vereinsvertreters hat aber dann doch für große Verwunderung gesorgt. Das einzig Positive daran ist, dass wenigstens einer im Verein Emotionen zeigt, nur traf es die falschen Adressaten. Diese Schärfe würden wir uns auch gegenüber der Mannschaft wünschen. Wir bekommen es natürlich nicht mit, so wie das Team aktuell spielt, haben wir aber leider nicht den Eindruck, als würde es geschehen.

Wie soll eine enge Bindung zwischen Verein und seinen Fans ein ordentliches Fundament erhalten, wenn nicht einmal ein einziger Offizieller – sei es Spieler, Trainer, Zeugwart, Busfahrer, Betreuer oder Geschäftsführer – den direkten Austausch sucht oder annimmt?

Bayer 04 hat an jenem Abend nicht nur sportlich an Boden verloren und eine große Chance verspielt. Die Art und Weise wie Mannschaft und Vereinsoffizielle mit ihrem wertvollsten Gut – den treuesten Fans – umgegangen ist, wiegt mindestens genauso schwer. Daher hier und heute unsere Botschaft an den Verein als Sprachrohr der Fanszene: Ändert den Kurs, sorgt für Identifikation, Leidenschaft und legt Wert auf einen anständigen Umgang mit euren treuesten Fans! Lebt den Verein und verwaltet ihn nicht nur.