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Hintergründe

Bad Blue Boys im Exil

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 08. Januar 2015
Quelle: imago

Bei unüberwindbaren Interessenskonflikten zwischen Fans und Vereinsführung kam es in der jüngeren Geschichte des Fußballs vor, dass sich neue Klubs wie der AFC Wimbledon oder der HFC Falke e.V. aus Teilen der Anhängerschaft gebildet haben. Ein Futsalverein als Alternative für abtrünnige Fans ist allerdings neu.

Wer in Deutschland Futsal von regulärem Hallenfußball unterscheiden kann, gehört wohl einer Minderheit an. Erst Anfang 2014 veranstaltete der DFB das erste bundesweite Landesauswahlturnier in der bei uns wenig etablierten Fußballvariante. In Süd- und Osteuropa erfreut sich das schnelle Spiel mit dem kleinen Ball einer weitaus größeren Beliebtheit und wird teilweise sogar in Profiligen gespielt. Dass ein Team über die zwei mal 20 Minuten und darüber hinaus von hunderten Zuschauern leidenschaftlich angefeuert wird, ist für den Fußballfan dennoch schwer vorstellbar. Doch da gibt es einen Verein an der Tabellenspitze der zweiten kroatischen Liga, bei dem in Sachen Support Erstaunliches zu beobachten ist. Die Rede ist vom MNK Futsal Dinamo aus der Landeshauptstadt Zagreb. Dinamo? Zagreb? Da war doch was! Auch die blau-weißen Fahnen und Banner mit Bulldoggenlogo, die in der knapp 5000 Zuschauer fassenden Halle geschwenkt und aufgehängt werden, kommen doch sehr bekannt vor. Und tatsächlich findet sich hier die berüchtigte Ultragruppe des Fußballvereins GNK Dinamo Zagreb, die Bad Blue Boys (BBB) regelmäßig ein, um die Futsalmannschaft mit Dauergesang nach vorne zu peitschen.

 

 

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Dennoch, Futsal Dinamo ist nicht etwa ein kleiner Bruder des Fußballgiganten, sondern ein selbstständiger Verein mit unabhängiger Struktur. Und die Beteiligung der BBB beschränkt sich auch nicht etwa auf die Gesangsarbeit. Seit Frühjahr 2014 sind alle Positionen im Verein von Mitgliedern der BBB besetzt. Anstatt einen neuen Verein zu gründen hat man also einen bestehenden, in dem schon zuvor ausschließlich Dinamo-Anhänger tätig waren, offiziell übernommen. Dafür sucht man sie bei Heimspielen des GNK mittlerweile vergeblich. Aber warum das ganze?

Die Macht des Mamić-Clans

Der Grund hat einen Namen: Zdravko Mamić, ein windiger Geschäftsmann, der aus den Kriegswirren der 1990er Jahre als reicher Mann hervorzutreten wusste und seit 2003 als Präsident von Dinamo Zagreb monarchenähnlich regiert. Ganz im Sinne Machiavellis versteht es der 55-jährige, sich mit Gefolgsleuten zu umgeben und seine Feinde zu beseitigen. So blähte Mamić etwa den Aufsichtsrat, zu dessen Aufgaben die Bestätigung seines Amtes gehört, von 30 auf 80 treue Mitglieder auf. Seine Position ist somit unanfechtbar. Sportdirektor und Trainer ist derzeit Bruder Zoran Mamić. Und kaum verwundert es, dass die Spieleragentur ASA International, die fast ausschließlich mit aktiven oder ehemaligen Dinamo Spielern arbeitet, viele Jahre von seinem Sohn Marijo geführt wurde und seit dem Verbot solcher verwandtschaftlicher Verstrickungen angeblich im Hintergrund noch immer geführt wird. Mamić’ Netzwerk reicht von Fußballfunktionären über die Wirtschaft angeblich bis in die Politik, was ihn unantastbar macht. Mit den zusätzlichen Ämtern als Exekutivdirektor und Vizepräsident des nationalen Fußballverbandes ist er der mächtigste Mann im kroatischen Fußball.

Neben dem diktatorischen Führungsstil wird ihm vor allem vorgeworfen, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Statt Talente wie Andrej Kramarić spielen zu lassen, würden bei der vereinsnahen Agentur unter Vertrag stehende Spieler bevorzugt, um deren Marktwerte zu steigern. Durch die Vermittlung von Ex-Dinamo-Spielern wie Luka Modrić, Mario Mandžukić oder Ivica Olić seien in den letzten Jahren mehr als 120 Millionen Euro in die Vereinskassen gespült worden. Wo das Geld tatsächlich geblieben ist, weiß allerdings niemand. Angeblich kassiert Mamić aufgrund zweifelhafter Verträge sogar noch Jahre nach einem Wechsel 20 Prozent von den Einnahmen des vermittelten Spielers.

Zusätzlich wird Dinamo anhand mietfreier Nutzung des stadteigenen Maksimir Stadions sowie finanzieller Zuschüsse in Millionenhöhe durch öffentlichen Gelder subventioniert. Es heißt, die Ausgaben würden über den Steuerzahler finanziert, während die Einnahmen in die eigene Tasche fließen. Dennoch tritt der Verein in seiner Entwicklung auf der Stelle. Zwar hat man den Status als kroatischer Serienmeister weiterhin inne, doch mangelt es international an Konkurrenzfähigkeit. Und in Kroatien sei laut Kritikern sowieso fast jedes Spiel von Strippenzieher Mamić manipuliert und die nationale Meisterschaft eher Witz als sportlicher Wettkampf.

Auf Seite 2: Wie es zum Bruch mit den Ultras kam.