Anzeige

National

„Anscheinend geht es ja auch ohne“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 20. Mai 2015
Quelle: imago

Der passende polizeiliche Personalschlüssel für Fußballspiele ist beständiger Diskussions- und Verhandlungsgegenstand zwischen Vereinen, Fans und eben der Polizei selbst. Die Kölner Ultra-Gruppe „Coloniacs“ hat sich anlässlich des letzten Auswärtsspiels in Mainz diesbezüglich Gedanken gemacht. Dass den Kölner Fans bei ihrer Reise nach Rheinhessen ungewohnte Freiheiten eingeräumt wurden, habe nicht zur Eskalation geführt, sondern vielmehr eines der friedlichsten Auswärtsspiele seit langer Zeit ermöglicht.

Nicht nur die An- und Abreise sei völlig unbehelligt von Ordnungshütern möglich gewesen, auch in der Stadt habe sich die Kölner Delegation zu einer angemieteten Kneipe und zum Stadion frei bewegen dürfen. Ein Beispiel, das Schule machen sollte, finden die „Coloniacs“. Durchaus nicht ganz ohne Selbstkritik räumen sie dabei ein, dass das wechselseitig feindschaftliche Verhältnis mit der Polizei inzwischen das größte Verletzungsrisiko bei Fußballspielen berge. Daher könne gerade bei „stinknormalen“ Bundesliga-Spielen ein geringerer Kräfteeinsatz zur Deeskalation beitragen.

Die Textzeile der Band „Ton, Steine, Scherben“, die den „Coloniacs“ als Überschrift ihrer Veröffentlichung dient, dürfte gleichwohl in naher Zukunft gleichwohl nicht umgesetzt werden. „Ach wie schön wär doch das Leben, gäb es keine…“, heißt es bei den Kölner Ultras. Rio Reiser vollendete im Original: „…gäb es keine Pollis mehr.“

Anzeige

 

Nachfolgend das Schreiben der Coloniacs im Wortlaut:

>Man will es kaum glauben, aber dieses Ton Steine Scherben Zitat durfte am vergangenen Spieltag in Mainz nach sehr langer Zeit für uns noch einmal Wirklichkeit werden. So konnte die Kölner Szene vollkommen unbehelligt durch die Polizei von Köln nach Mainz reisen. Und nicht nur das. Auch innerhalb der Stadt konnten wir uns vollkommen frei mit Mann und Maus zunächst zu der eigens angemieteten Kneipe und von da aus dann zurück zu den Shuttle-Bussen Richtung Stadion bewegen. Und oh Wunder: die Stadt steht noch und der Bürgerkrieg ist ausgeblieben.

Wir würden sogar soweit gehen festzustellen, dass die Stimmung selten so friedlich und entspannt gewesen ist – das war wohl die angenehmste Auswärtstour seit langem. Und das sowohl für uns Fans als auch für all diejenigen, die an diesem Tag mit uns direkt oder indirekt zu tun hatten. Dafür möchten wir dann auch einmal ausdrücklich denjenigen unseren Dank aussprechen, die die Abwesenheit der Polizei zu verantworten hatten. Gleichzeitig möchten wir allen Einsatzleitern und verantwortlichen Politikern dieser Republik noch einmal dringend ans Herz legen, die eigenen Strategien in Sachen massiver Polizeieinsätze an stinknormalen Bundesligaspieltagen zu überdenken. Anscheinend geht es ja auch ohne und im Zweifel dann auch wesentlich entspannter. So lässt es sich wohl nicht leugnen, dass von Spieltag zu Spieltag sich mit Fußballanhängern auf der einen und Polizeieinsatzkräften auf der anderen Seite zwei mittlerweile stark verfeindete Gruppen gegenüber stehen.

Diese Feindschaft ist in den letzten Jahren durch gegenseitig Provokationen und Grenzüberschreitungen stetig gewachsen und stellt mittlerweile nahezu das größte Verletzungsrisiko und Gefahrenpotential rund um die Spieltage dar. Die Polizeistatistiken können dies durchaus belegen, sofern sie korrekt und seriös ausgewertet werden. Wir freuen uns auf jeden Fall, dass offenkundig an manchen Standorten ein Umdenken der handelnden Akteure stattfindet und der Spieltag somit deutlich sicherer gestaltet wird, indem von einer Konfrontation und der leider mittlerweile damit verbundenen gegenseitigen Provokation beider Parteien abgesehen wird. Das sollte im Interesse aller Beteiligter Schule machen, damit wir auch weiterhin in Deutschland die sichersten Fußballspiele haben.