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Interviews

„Am Ende steigen alle ab!“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 09. Mai 2014
Quelle: imago

Wir mussten reden. Ja, liebe Hamburg-Nürnberg-Braunschweig-Bielefeld-Dresdner und all jene, deren liebeskrankes Herz nur für einen der vorgenannten Vereine schlägt, Fanzeit sprach mit dem Abstiegsgespenst! Kein Scheiß jetzt.

Für Interviews mit Weltstars gilt allerdings dasselbe, wie wenn man vor dem eigenen Schöpfer steht oder auf der Wetten-dass-Couch sitzt, solange es noch geht: Man sollte sich die Fragen gut überlegen, Prominente sind immer auf dem Sprung. Zumal dem Abstiegsgespenst die stressigste Woche der bitteren Wahrheit ins Haus steht. Natürlich kamen wir also nicht umhin, über Pep Guardiola und den Augsburger Ordnungsdienst zu sprechen. Aber keine Sorge, die Frage aller Fragen haben wir natürlich nicht vergessen: Was passiert eigentlich mit der Hamburger Bundesligauhr?

 

Wertes Abstiegsgespenst, sind Sie Pep Guardiola eigentlich dankbar?
Dankbar? Ich? Nein, habe ein gutes Verhältnis zu ihm. Wir haben uns nach seinem Amtsantritt beim FC Bayern vergangenen Sommer auf eine Limo im Augustiner Keller in München getroffen und einen geistreichen Abend verbracht. Nach der ersten Viertelstunde war mir gleich klar, dass er mit seinem Team die Liga dominieren wird. Alles andere wäre mir spanisch vorgekommen. Auch zu den anderen Trainern pflege ich im Übrigen ein gutes Verhältnis. Klar, die eine oder andere Meinungsverschiedenheit gibt es immer mal, im Großen und Ganzen verstehen die meisten aber, dass ich ja auch nur meinen Job mache.

„Irgendeiner muss den Leuten ja auch sagen, dass sie rausfliegen, im übertragenen Sinne“

Immerhin haben Sie den Bayern aber zu verdanken, dass Sie der heimliche Star dieser Saison sind. Oder sehen Sie das anders?
Star? Nein, davon gibt’s in dem Geschäft eh schon zu viele. Wir müssen ja auch nicht so tun, als hätte Pep mit den Bayern jetzt auch noch den Abstiegskampf neu erfunden. Verlieren kann der HSV mittlerweile auch ohne Bayern München. Ich mach den Job schon ziemlich lange und hab bislang fast jedes Jahr für Spannung im Keller gesorgt. Da kenn ich mich aus, da fühl ich mich wohl. Und dafür bekomme ich von vielen Fans immer wieder hasserfüllte Post. Etwas Schöneres gibt’s doch kaum…

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AbstiegsgespenstQuelle: https://www.facebook.com/DasAbstiegsgespenst
Quelle: https://www.facebook.com/DasAbstiegsgespenst

Demnächst auch in Deinem Stadion? Quelle: facebook.com/DasAbstiegsgespenst. Wer die Seite nicht likt, kommt vermutlich in die Hölle. Zumindest aber in die Zweite Liga.

No one likes you, you don’t care, also. Oder motiviert Sie der Hass der Fans sogar?
Sagen wir mal so: Viele Fans reagieren auf meine Auftritte allergisch. Dabei vergessen sie oft, dass ich auch nur meinen Job mache. Mitunter werden Fans auch handgreiflich. Das ist dann nicht so schön. In Augsburg vor zwei Wochen beispielsweise wollten mich ein paar halbstarke Hamburger Ultras an einen Pfahl binden und mit Fischen bewerfen. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an den Augsburger Ordnungsdienst, der mit seinem beherzten Einschreiten Schlimmeres verhindert hat. Es ist ja nichts Persönliches. Irgendeiner muss den Leuten ja auch sagen, dass sie rausfliegen, im übertragenen Sinne. Wenn ich so nachdenke, fühle ich mich meist ein wenig missverstanden. Eigentlich bringe ich Liebe!

 

Das nimmt der Fußballgott ja vermutlich auch für sich in Anspruch. Aber mit dem haben ebenfalls einige ihre Probleme. Sind Sie sich je begegnet?
Wir treffen uns immer mal wieder. Das Problem bei ihm ist ja, dass er ständig seinen Wirtsfußballer wechselt. Mal heißt es „Youri Mulder, Fußballgott“, mal kommt er sich selbst überschätzend als Manuel Neuer daher. Ursprünglich war er ja mit Toni Turek unterwegs, dem Weltmeister-Keeper von 1954. In der Form hab ich ihn ein paar mal getroffen. Prima Kerl übrigens. Im direkten Gespräch mit dem Fußballgott merkt man allerdings, dass zwischen ihm da oben und mir hier unten viel Raum für Interpretation bleibt. Meist ca. 50 punkte und 98 Tore.

„Damals, Tasmania Berlin 1965/66, Zack, die hatte ich nach dem zehnten Spieltag als Absteiger durch,
da hab ich die halbe Saison in St. Tropez auf der Terrasse abgehangen, Filmsternchen vernascht und die Kette hochgelegt.“

Einen Gedankenaustausch könnte aber doch sinnvoll sein. Zum Beispiel darüber, wie man an möglichst vielen Orten gleichzeitig sein kann. Die letzten Wochen waren sicher sehr stressig. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?
Alkohol, viel Alkohol. Es ist anstrengend, aber ich bekomme es hin. Das Business ist ja inzwischen schlimmer als früher. Damals, Tasmania Berlin 1965/66, Zack, die hatte ich nach dem zehnten Spieltag als Absteiger durch, da hab ich die halbe Saison in St. Tropez auf der Terrasse abgehangen, Filmsternchen vernascht und die Kette hochgelegt. Heute stehen die Klubs Schlange vor dem Tor zur zweiten Liga. Stress pur, sage ich ihnen, und Zeit für nen Flirt mit den Jägermeister-Mäuschen in Braunschweig war auch kaum. Aber nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich steck die Belastung locker weg, ich bin fit, ich bin fokussiert, mein Ziel ist immer nur der Abstieg und das zieh ich auch durch. Fragen sie in Sachen Stress mal bei Nikolaus und Christkind nach. Die habe ich neulich auf einem Motivationsseminar getroffen. Ich hab immerhin 34 Spieltage, die müssen ihren Job in einer Nacht erledigen. Ganz ehrlich: so ein Beißer wie der Nikolaus, das bin ich nicht. Aber ich hab ja auch keine Geschenke zu verteilen. Zeit für eine Frage habe ich noch.

Wie verläuft das nächste Wochenende: Wo sind Sie unterwegs, wer muss in die Relegation, wer steigt ab und – falls es den HSV trifft – kommt die Bundesligauhr in Ihre „Pokalvitrine“?
Eigentlich hatte ich vor, in Mainz aufzutauchen. Ich rechne mir damit auch Chancen auf eine Einladung ins Sportstudio am Samstagabend aus – wegen der überzeugenden Performance in dieser Saison. Dann werden aber wieder viele eine Sperre wegen unsportlichen Verhaltens fordern. ‚Ich habe bloß den HSV angespukt’, und so weiter… Insofern suche ich noch nach ein paar belastbaren Co-Gespenstern. Hilfssheriffs mit der Lizenz zum Relegieren, sozusagen. Die aktuelle Stellenausschreibung ist auf meiner Facebook-Seite zu finden. Ich will jetzt auch noch gar nicht verraten, was da am Samstag genau passieren wird. Nur so viel: Das Spiel heißt „Reise nach Sandhausen“ und am Samstag gegen 17:20, wenn die Musik wieder angeht, fehlen zwei Stühle in der Bundesliga-Runde. Den dritten nehm’ ich dieses Jahr irgendwem dann auch noch weg. Sprich: Am Ende steigen alle ab, und die Uhr kommt ins deutsche Uhrenmuseum nach Furtwangen. Das liegt tief im Schwarzwald. Da kann sich der HSV dann auf die Suche nach der verlorenen Zeit machen… In diesem Sinne: Glück ab!