Anzeige

Hintergründe

100% Hartholz – die Fangemeinde des SV Eiche Ragösen

Autor: Kim Heeß Veröffentlicht: 14. Januar 2015
Quelle: msteinhaus-photography

Wir erzählen euch die Geschichte eines Dorfvereins, der mit Maskottchen, Fanartikeln im Ausmaß eines Bundesligavereins und einer Ultragruppierung weit über die regionalen Grenzen an Beliebtheit gewinnt. Es ist die Geschichte des SV Eiche Ragösen.

Der Sonntag-Nachmittag gilt vielerorts als Familienzeit. Auch in Ragösen. In wo? Im 609-Seelen-Ort Ragösen. Doch hier im brandenburgischen Fläming ist es kein normaler Familiensonntag. Die Familie ist hier der „SV Eiche Ragösen“. Der Fußballklub ist schon längst Kult in der Region, mit Merchandiseartikeln und Bekanntheitsgrad weit über die lokalen Grenzen der Kreisliga B hinaus. Wir haben mit den Initiatoren des Vereins sowie den – ja, tatsächlich – Ultras gesprochen. Drei Jungs, die den Fußball mit vollem Herzen l(i)eben.

Quelle: msteinhaus-photography
Quelle: msteinhaus-photography

Die Mitbegründer der Ultras Eiche Ragösen

Die jungen Männer sind Schöni, Acker und Schulle, haben den Verein wieder aufgebaut und die Anfänge des „Mythos Eiche Ragösen“ mitgestaltet. „Die Jungs die heute auf dem Platz stehen, schauten teilweise schon ihren Vätern beim Kicken zu. Bis zur Wende hieß der Verein noch Traktor Ragösen, wurde dann aber in Eiche Ragösen umbenannt. Denn der Treffpunkt der Fußballer war damals die große Eiche im Mittelpunkt des Ortes“, sagt Acker, dessen Spitzname keineswegs mit seinen fußballerischen Fähigkeiten in Verbindung gebracht werden sollte. „Nach der Wende wurde der Verein eingefroren und 2005 war der Moment gekommen, eine eigene Männermannschaft zu gründen, da genug Jungs in den umliegenden Dörfern aktiv waren. Durch die Wiederaufnahme des Spielbetriebs konnten wir auch sicher gehen, dass der Sportplatz uns Ragösenern erhalten bleibt“, erklärt Acker weiter.

Eiche-Fans beim Hallenturnier in BrandenburgQuelle: Kim Heeß
Quelle: Kim Heeß

Eiche-Fans beim Hallenturnier in Brandenburg

„Angefangen haben wir in der 2. Kreisklasse und sind im darauffolgenden Jahr in die neugegründete 3. Kreisklasse abgestiegen, da wir es nicht unter die ersten Sieben der Liga geschafft hatten,“ schildert Schöni die sportlichen Anfänge des Teams. Alle zwei Jahre konnten sie anschließend aber den Gang in die nächsthöhere Liga antreten und spielen aktuell in der Kreisliga Staffel B des Havellandkreises.

„Wir wollen immer Spaß haben und vor allem kein Stress beim Fußball.
Wir stehen zu unserem Verein, wir hetzen nicht gegen andere und auf Gewalt haben wir gar keine Lust.“

Doch das Besondere des Vereins ist nicht die sportliche Leistung oder der schöne Sportplatz. Wir wollen beide Dinge natürlich nicht schmälern, schließlich sind sie seit eineinhalb Jahren Zuhause in Punktspielen ungeschlagen. Wirklich außergewöhnlich machen den SV Eiche Ragösen aber erst seine Fans.

 

Schon vor Aufnahme des Punktspielbetriebes in der Saison 2007/08 schauten die Anhänger gemeinsam Fußball. So ging es jeden Sonntag zu verschiedenen Spielen der umliegenden Dörfer, um auch eigenen Kumpels in den unterschiedlichen Mannschaften die Daumen zu drücken. Schöni war selbst nie Fußballer, wurde aber in den Bann des „allwöchentlichen Sonntags“ gezogen: „Es ging nach Wollin, ick in Badelatschen und Mickey-Maus-Shirt zum Wollin-Spiel. Dann war’s geloofen“, sagt er in breiter Mundart. Auch Schulle war immer vom Fußball begeistert und äußert sich zu den Anfängen der Leidenschaft: „Durch Kumpels, die selbst in den Mannschaften spielen, kommt man am Wochenende zum Platz und guckt sich den Spaß an. Und dann habe ich angefangen, jedes Wochenende raus nach Ragösen zu fahren, weil es einfach super Leute waren“.

Die Ultras aus Ragösen waren geboren. Als die Mannschaft den Spielbetrieb aufnahm war klar, dass es genau dieser Ort sein wird, an dem sie ihre Leidenschaft voll und ganz ausleben können. „Wir Fans haben das Vereinslogo des SV Eiche Ragösen entworfen. Und eines Tages hat der damalige Kapitän der Mannschaft einen Entwurf für ein Ultra-Logo gezeichnet, dem wir sofort zugestimmt haben“, beschreibt Schöni die enge Verbindung zwischen Mannschaft und Fans.

Anzeige

Schöni (li) und Schulle

Schöni (links) und Schulle

Zu Heimspielen wird der ganze Ort mobilisiert, jeder steht hinter der Mannschaft. Ob Spielerfrau, Freundin, Opa oder Nachbar, alle pilgern am Sonntag-Nachmittag, sofern das Wetter mitspielt, zum Sportplatz. Der Spitzenwert des Vereins liegt immerhin bei über 400 zahlenden Gästen zum Heimspiel gegen Fredersdorf. Der dreistellige Zuschauerschnitt lässt sich sehen.

Ganz wichtig dabei: Farbe zeigen! Bei Trikots und T-Shirts fängt das Merchandise-Angebot an, es geht über Schals, Mützen, Regenjacken bis hin zu außergewöhnlichen Fanartikeln wir Babystramplern, Zollstöcken oder Hausschuhen. Angeboten zum Einkaufspreis, versteht sich.

Die drei Jungs organisieren, schmieden Pläne und unterstützen die Mannschaft, wo es nur geht. Die Kreativität ist beachtlich, auch was den Support angeht. So werden bekannte Fußballlieder kopiert oder neu gedichtet um die eigene Mannschaft nach vorne zu treiben. Fast wie in der Bundesliga. So heißt es in einem ihrer Lieder „Hart wie Eichenholz“, auf den Trikots steht „100% Hartholz“ geschrieben und wenn man die Jungs und Mädels erlebt, weiß man, dass das keine Floskeln sind. Sie stehen voll und ganz hinter ihrem Team.

♫♫ Schwarz-grüne Dresse und ne große Fresse, immer wieder SVE! Von der Havel bis nach TB, immer wieder SVE!!!♫♫

„In acht Jahren Eiche Ragösen habe ich vier bis sechs Spiele verpasst. Und das auch nur wegen wirklich wichtigen Terminen. Sonst war ich immer bei Eiche dabei,“ erzählt Schöni voller Stolz. Ein kleines Beispiel aus seinen Erlebnissen? „Im Mai 2014 waren wir zum letzten Saisonspiel vom BVB in Berlin und haben danach ordentlich getankt. Mir ging es am nächsten Tag so schlecht, ich konnte nichts mehr. Die Jungs haben mich dann Sonntag-Nachmittag an den Spielfeldrand gelegt, damit ich das Eiche-Spiel gucken kann. Nach einem Bier war es wieder halbwegs in Ordnung“. Schulle ergänzt:“ Wir haben einfach immer Bock zu fahren, überall einfach Fußball gucken.“

„Auch Promibesuch hatten wir schon. Der ehemalige HSV-Profi Bastian Reinhardt war nach seiner Knie-OP zu Besuch und hat sich ein Spiel angeschaut. Aus Scherz meinten wir dann zu ihm: „Wenn du mal kein Bock mehr auf Profifußball hast, kommste einfach zu Eiche!“, scherzt Schulle. Dabei kann er auch ganz ernsthaft einige Vorzüge seines Vereins nennen: „Es ist das WIR-Gefühl, das die Fans von Eiche Ragösen ausmacht. Die Spieler sowie die Fans waren immer auf einer Wellenlänge, wir halten immer zusammen und können auf gegenseitige Unterstützung zählen. Und du weißt, was dich jedes Wochenende glücklich macht: Wenn du zum Platz kommst, alle Leute triffst, die dir wichtig sind, bist du zuhause. Es ist einfach ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Sonntag Eiche Ragösen gehört.“

 

 

Und ein zusätzliches Highlight gibt es seit dieser Saison auch noch zu bestaunen: Der Kreisligist hat sein eigenes Maskottchen. Egon Eiche heißt es, ein überdimensionales Eichhörnchen, das auch durch die sozialen Netzwerke tingelt und sich stets an Fotos, ungläubigen Blicken und dem ein oder anderen Spaß für die Mannschaft erfreut. Die Anschaffung wurde durch eine Rabattaktion für den WM-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ermöglicht. Den Rest steuerten Sponsoren bei.

Egon Eiche

Egon Eiche

„Wir wollen Stimmung, freuen uns wenn gegnerische Fangruppierungen mitkommen. Dann können wir mit denen noch nen Bierchen trinken und der Tag ist gelungen.“

Im Februar geht die Rückrunde los und die Fans, die Ultras, die Mannschaft und die Familie „SV Eiche Ragösen“ freuen sich über jeden Zuschauer, der einen etwas anderen Sonntag-Nachmittag miterleben möchte.

kh