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Hintergründe

Von der Suche nach dem richtigen Verein

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 27. September 2015
947074_159607814219930_1513793205_n Quelle: Wochenendrebell

Zusammen mit seinem Vater Mirco reist Jay-Jay durch die Stadien der Republik, um seinen Lieblingsverein zu finden. Jay-Jay ist zehn Jahre alt und hat Asperger-Autismus. Warum das nicht nur Behinderung sondern auch Behilflichkeit sein kann, erzählt Mirco, der die gemeinsamen Erlebnisse im Blog „Der Wochenendrebell“ festhält, uns im Interview. Darüber hinaus sprachen wir mit ihm über die bisherigen Ergebnisse der „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“, feste Rituale auf den Touren und über Eckbälle, die von Elefanten präsentiert werden.

 

Wie kam es dazu, dass ein Vater mit seinem Sohn durch die Stadien der Republik reist, um den Lieblingsverein für den Sohnemann zu finden?
Ich war eigentlich nie so der klassische Stadiongänger. Vor einigen Jahren fing ich an, einmal im Jahr mit meinem Dad ins Stadion zu fahren. Eine Art traditionelles Geburtstagsgeschenk. Als Jay-Jay fünf Jahre alt war, wollte er dann mit. Das Risiko war überschaubar, also versuchten wir es. Jay-Jay nahm erstmals Fans und Begrifflichkeiten des Fußballs wahr und wollte nun auch Fan sein. Um seinen Verein zu finden, müsste er aber erst einmal alle Fans, Stadien und Vereine kennen lernen. Mit dem Ansatz ein oder zwei Mal im Jahr ins Stadion zu fahren, stimmte ich zu. Dann eskalierte es, unter anderem auch, weil wir merkten, dass ihm diese Touren persönlich in seiner Entwicklung gut tun. So konnte er zum Beispiel die vielen Menschen oder die enorme Lautstärke, die ihm normalerweise Probleme bereiteten, im Stadion komplett ausblenden.

„Ich lerne viel von ihm.“

Jay-Jay hat das Asperger-Syndrom. Was bedeutet das konkret für ihn?
Das Spektrum ist so breit, dass sich relativ schlecht genau definieren lässt, was Asperger-Autismus hauptsächlich ausmacht und ich tue mich mittlerweile auch schwer Fachartikel dazu zu lesen. Es gab in der Vergangenheit viel zu viele Experten, die Jay-Jay gesagt haben was er kann und was er nicht kann. Er ist stabil genug um das selbst heraus zu finden. Dabei helfe ich ihm.
Oft ist es Asperger-Autisten nicht möglich äußere Einflüsse sinnvoll zu filtern. Jay-Jay hörte mir oft nicht zu, weil er das Rattern des Zuges auf den Schienen nicht ausblenden konnte und wollte. Es gibt intensiv verwurzelte Routinen und Regeln, deren Nichteinhaltung zur Eskalation führen. Da reichen Kleinigkeiten und es bricht eine Welt für ihn zusammen. Zudem liegt Jay-Jay aktuell in seiner motorischen Begabung deutlich unter dem Durchschnitt und er sagt, er mag eigentlich keine Freunde haben, was wohl damit zusammenhängt, dass er gewisse Kennenlern-Standards nicht intuitiv leisten kann, sondern mühsam erlernen muss. Früher hatte er noch Schwierigkeiten mit lauten Geräuschkulissen, überraschenden Situationen und ungeplanten Zwischenfällen aller Art.
Wichtig ist aber auch seine Selbsteinschätzung. Für Ihn ist Asperger nicht nur eine Behinderung, sondern auch eine Behilflichkeit, denn es schenkte ihm Fähigkeiten, die man ohne Asperger nicht hat. Die Tatsache, dass das Gehirn äußere Einflüsse nicht filtert, heißt eben auch, dass er viele schöne Dinge entdeckt, für dessen Wahrnehmung mir mein Hirn gar nicht mehr die Möglichkeit lässt. Ich lerne viel von ihm.

Kannst du dir erklären, warum Jay-Jay im Stadion all die Dinge, die ihm normalerweise Probleme bereiten, ausblenden kann?
Wir vermuten, dass er, wenn ihm etwas sehr wichtig ist, sich unter höchster Anstrengung auch anpassen kann, wobei man betonen muss, dass dies dann nicht immer zwingend er selbst ist. In der Schule spielt er einen aufmerksamen, angepassten Schüler. So hat er mir das zumindest erklärt. Im Stadion überwiegt für ihn das positive Erlebnis. Es gibt im Rahmen bekannter Routinen, die bei jedem Stadionbesuch identisch sind, unfassbar viel Neues zu entdecken. Das liebt er. Grundsätzlich ist es aber auch so, dass er allgemein deutlich weniger Schwierigkeiten mit seinem Umfeld hat, wenn ihm jemand die hundertprozentige Aufmerksamkeit schenkt. Das kann ich auf den Touren sicherstellen. Im Alltag ist diese ausschließliche Fokussierung auf ihn nicht möglich.

Was hat es mit dem Namen des Blogs auf sich? Warum seid ihr die „Wochenendrebellen“?
Eigentlich sollte ihn dies motivieren am Wochenende aus seinen Routinen ganz rebellisch auszubrechen. Verrückte Dinge zu tun, Grenzen auszuloten oder auch zu überqueren. Mittlerweile legt er wert darauf, dass es eigentlich nur einen Wochenendrebell gibt. Ich bin sein erster Supporter.

Welche Rituale habt ihr bei euren Touren? Worauf legt Jay-Jay wert?
Eine Anreise mit der Bahn ist zwingend. Die Reiseplanung übernimmt oftmals Jay-Jay. Pro Saison wird mir aber ein Autoanreise-Joker zugestanden. Ansonsten versuche ich möglichst oft entstehende Rituale zu brechen. Ich möchte seine Spontanität und seine Phantasie fördern. Das sind oftmals dann die besten Momente in denen unsere Beziehung zueinander und auch seine Entwicklung Sprünge machen kann.

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„Er hasst Maskottchen.“

Wie sieht es im Stadion aus? Welche Dinge lösen bei Jay-Jay Begeisterung aus? Und was geht gar nicht?
Er hasst Maskottchen. Dafür hat er kein Verständnis. Dem Effzeh gesteht er das noch zu, weil das Tier wenigstens echt ist. Er kann sich begeistern für alles was außergewöhnlich ist. Die Anzeigetafel in der Alten Försterei, die Toiletten beim VfB Stuttgart, von denen aus man das Spielfeld sehen kann, beklopptes Spieltagssponsoring von Jumbo-Autowaschanlagen, wo während des Spiels jede Ecke von dem immens lauten Tröten eines Elefants begleitet wird. Die Anzahl an bunten Schuhen oder das Verhältnis von neonorangen Schuhen zu gelben Schuhen. So etwas fällt ihm auf.

Und wie sieht es der Vater?
Ich kann mich für Fußballspiele begeistern, bei denen der Sieger vorab nicht feststeht und das Ergebnis für beide Mannschaften Relevanz hat. Dann muss es noch nicht einmal spielerisch oder taktisch von hohem Niveau geprägt sein. Ich kann mich auch für wildes Gedresche, Gehacke und Gegrätsche begeistern. Ich feiere am meisten die Tore, wo die Jungs von Spielverlagerung und Co. im Anschluss nicht wirklich sagen können, welcher Gedanke da nun dahinter steckte.

Was spielt die größere Rolle: Das Sportliche oder das Drumherum, die Fankultur?
Sowohl als auch, aber das Drumherum muss man schon eingrenzen. Ich schätze es sehr und halte es für wichtig, wenn die Kurven wie kürzlich geschehen klare Statements, wie „Refugees Welcome“ abgeben. Die Kurven sind für mich die letzte kleine Bastion an Ursprung, Atmosphäre und positiv eskalierender Leidenschaft. Das Erhalten von Werten, Traditionen und Hierarchien bremst natürlich auch Kreativität. Selbstinszenierung und unpassenden Dauer-Singsang erleben wir häufig. Viele Gänsehautmomente unserer Tour gingen aber auch von den Kurven aus. Leider wirkt es bei vielen Vereinen oft so, als wären die aktive Fanzszenen geduldeter Pflichtbestandteil. Mit Halbzeitspielen, Klatschpappen und Co kann ich allerdings nicht viel anfangen.

Gibt es schon Favoriten für Jay-Jays Herzensverein? Wo hat es ihm bisher am besten gefallen?
Er bewertet nach unterschiedlichen Kriterien. Ihm gefiel das Stadion an der Alten Försterei, in Saarbrücken und das Karl-Liebknecht Stadion in Babelsberg. Bezüglich der Stimmung lagen Dortmund und Dresden vorne. Als Verein mag er aber auch ganz gerne Augsburg, weil er da geboren ist und Schalke 04, weil er dort eine Menge Informationen im Rahmen einer Stadionführung bekam. Das Engagement und das Auftreten des FC St.Pauli bekommt er mit und ans Millerntor führten mit die prägendsten Touren.

„Empathie gehört nicht zu seinen Stärken.“

In deinem Eingangs-Blogpost schreibst du, dass es auch ein Ziel des Projekts war, Jay-Jay den Umgang mit Emotionen zu zeigen. Hat sich in dieser Hinsicht etwas getan?
Eigentlich müsste ich den Blogpost mal anpassen. Dieser ist ein wenig missverständlich. Jay-Jay ist unfassbar emotional. Ist er wütend, dann hat das eine sehr beeindruckende Intensität. Was ihm Schwierigkeiten bereitet ist sich in die aktuelle Gefühlslage anderer hineinzuversetzen. Empathie gehört nicht zu seinen Stärken. Bedenkt man, dass eine Verbesserung dieser Fähigkeit ein Hauptziel war, müsste man fast enttäuscht sein, da sich dort zu wenig getan hat.

Du bist Fan von Fortuna Düsseldorf. Schleicht sich bei Dir vielleicht auch manchmal etwas Wehmut ein, dass Du und Dein Sohn nicht gemeinsam in einer Kurve stehen und ihren Verein anfeuern?
Wir waren gemeinsam mit den Fortunen in Cottbus und in Paderborn im Gästebereich. Er fand das schön und er freut sich für mich mit, wenn die Fortuna gewinnt, aber er genießt es auch mich zu dissen, wenn wir einmal nicht so erfolgreich sind. Aktiver Support ist nicht so seins bisher. Ihm erschließt sich der Sinn nicht, wieso ein Fußballer das Tor besser treffen sollte, wenn er ihn anfeuert. Ich bin sehr gespannt, wie sich das einmal entwickelt, sollte er einen Lieblingsverein finden. Ein lautes Organ hat er ja.

Es fehlen nur noch wenige Vereine, dann habt ihr alle Erst- und Zweitligisten Deutschlands besucht. Ist es absehbar, dass Jay-Jay bald eine Entscheidung trifft?
Es gibt ein Kickstarter-Projekt, welches unsere Vierunddreißiger mit der Düsseldorfer Fortuna mit 50.000 € subventioniert. Nein, im Ernst. Ich gehe nicht davon aus. Er hat zwar nun keine Angst mehr, dass unsere Touren nach dem Finden eines Vereins enden, aber die dritte Liga und auch die vierten Ligen haben eben auch noch sehr schöne Stadien und spannende Vereine. Die möchte er sich noch alle ansehen, obwohl er weiß, dass Westfalia Herne wohl eher nicht sein Verein wird.
Allerdings hat ihn der Schalke-Trip mit Besuch des Museums schon nachhaltig beeindruckt. Ich kann es wirklich nicht sagen. Er verliert halt nicht sonderlich gern, was durchaus den Rückschluss zulässt, dass er Bayernfan wird. Er sagte mir mal, dass dies sehr praktisch wäre aus unterschiedlichsten Gründen.

Wie geht es dann weiter? Gibt es schon weitere Pläne, zum Beispiel das Ausland?
Im Rahmen des Hauptprojektes fahren wir auch ins Ausland. Das sind Bonustouren. Wir haben für den Alltag ein komplexes Bonus-System geschaffen. Mit Bonuspunkten werden kleine Etappenziele und gute Noten belohnt. Abzüge gibt es z.B. für wirklich bösartiges Verhalten gegenüber seiner Schwester. Er bekommt allerdings keine Strafen für seine Ausraster im Alltag. Die gehören nun einmal zu ihm. Irgendwohin muss der Druck ja entweichen.
Wir waren bisher in Mailand und in Lyon. Tschechien, Holland, Österreich dürften die nächsten Ziele sein, aber in 2016 ist auch eine größere Tour geplant. Eine ganze Woche wollen wir dann im Oktober durch Europa düsen. Wir werden Sportstätten auch über den Fußball hinaus besuchen. Ich möchte sehen, ob wir den Umgang, den wir über einen Tag oder ein Wochenende miteinander pflegen auch über eine Woche aufrechterhalten können.

3 Responses to “Von der Suche nach dem richtigen Verein”

  1. Jean Falkner sagt:

    Ein wunderbarer Artikel und solltet Ihr noch nicht in Magdeburg gewesen sein: Herzlich willkommen!

  2. Rüdi sagt:

    Herzlich! Daumen hoch!

  3. marcus sagt:

    Tolles Interview!

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