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Hintergründe

Die Tücken der Tradition

Autor: Moritz Gutscher Veröffentlicht: 26. August 2014
imago14104109h Quelle: imago

Ein Jahr lang forschten Jannis Stenzel und Moran Lanzmann im Rahmen des Projekts „Managing Diversity“, unterstützt wurden sie dabei vom VfL Bochum. Das Ergebnis ist ihre Arbeit „Da wo das Herz noch zählt – Ultras, Fans und der moderne Fußball“. Wir sprachen mit ihnen über Kommerz, Antisemitismus, sogenannte Retorten-Clubs und darüber, was Vereine von ihren Ultras lernen könnten.

 

Fanzeit: Was war Eure Ausgangsfrage?

J.: Wir hatten jeweils verschiedene Ansätze, die sehr gut zusammen gepasst haben. Für mich lag der Zugang beim Thema „Antisemitismus im Fußball“. Den gibt es, ihm wird aber relativ wenig Beachtung geschenkt. Bei Rassismus oder Nazis gibt im Vergleich es eine größere Sensibilität. Nun werden aber in der Kritik am sogenannten modernen Fußball teilweise Stereotypen aufgerufen, die auch zum Antisemitismus passen. Dies zu erforschen, war meine ursprüngliche Ausgangsfrage.

M.: Das Problem ist, dass Antisemitismus und auch Anti-Amerikanismus schwer zu erforschen sind, weil hinter Aussagen oft gar keine Ideologie steckt. Wenn die eine Fanseite die andere als „Juden“ beschimpft, lässt sich das wissenschaftlich nur schwer untersuchen. Einen anderen Zugang bietet das Stichwort Kommerzialisierung – welche Implikationen kann Kommerzialisierungskritik haben?

 

Wo liegen da die Berührungspunkte? Was hat Kommerzialisierungskritik mit Antisemitismus zu tun?

M.: Es geht natürlich nicht darum, dass Kritik an Kommerzialisierung per se ein antisemitisches Moment beinhaltet. Einige Prozesse und Tendenzen, die seit geraumer Zeit im Fußball – nicht nur dem deutschen – stattfinden, werden vonseiten der Fans zurecht kritisiert. Strukturell antisemitisch wird hierbei Darstellung und Artikulation von Kritik, wenn sie in einer gebündelten Hassform stattfindet, wie zum Beispiel gegen Hoffenheim oder gegen RB Leipzig. In diesem Kontext findet auch vonseiten der Fans eine Gegenüberstellung statt zwischen „künstlichen“ Retorten- und „echten, traditionellen“ Vereinen. Gerade das erinnert doch stark an die Kontrastierung von „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital während der Nazi-Zeit. Kommerzialisierungskritik, die sich auf Fakten und einer differenzierten Sicht auf die Dinge beruft, ist vollkommen in Ordnung und berechtigt. Verkürzte, undifferenzierte Kritik, die in einem gebündelten Hass gegen vermeintliche „Retortenvereine“ stattfindet ohne das gesamte System Bundesliga bzw. ökonomische Strukturen von anderen, vermeintlichen „Traditionsvereinen“ zu hinterfragen, kann strukturell antisemitisch sein oder werden – nicht zuletzt da es Moderne negiert und Tradition hervorhebt.

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Seid ihr durch Inhalte eures Studiums auf diese Themenfelder gestoßen oder durch eigene Erfahrungen und Erlebnisse als Fußballfans?

J.: Vieles im Stadion hat mich da beeinflusst, dazu kam aber auch viel Gelesenes. Damit meine ich nicht nur wissenschaftliche Lektüre, sondern auch z.B. Stellungnahmen von Fans und Fangruppen. Also nach dem Motto „gegen den modernen Fußball, wir sind der echte Traditionsverein und haben keinen Bock auf Red Bull und Co.“ – einiges davon ist ganz schön platt argumentiert und bietet Ansatzpunkte. Insofern kam die Inspiration für das Forschungsthema eher durch die Fanszene als durch wissenschaftliche Theorien oder Texte.

 

Wie seid ihr bei dem Projekt vorgegangen?

J.: Angelegt war es für ein Jahr, in dem wir dann geforscht haben. Dazu gehörten natürlich auch die Auseinandersetzung mit theoretischen Texten und die Entwicklung passender Fragebögen. Über das Fanprojekt Bochum haben wir dann Kontakt zu den Bochumer Ultras aufgebaut und mit zwei Ultras intensive Interviews geführt, hinsichtlich Kommerzialisierung. Dabei sind wir sehr offen herangegangen und nicht konkrete Fragen zu antisemitischen Zusammenhängen gestellt. Stattdessen wollten wir wissen, was Kommerzialisierung konkret bedeutet für die Befragten und was dabei unter Umständen problematisch ist. Hinterher haben wir dann die Ergebnisse analysiert und Anknüpfungspunkte gesucht. Wir sind also einen Schritt zurückgegangen, um niemanden von Vorneherein in etwas hineinzudrängen.

M.: Würde man ein Thema wie Antisemitismus sofort integrieren in die Fragen, käme wohl auch nicht viel dabei ‚rum. Das würde wahrscheinlich jeder direkt von sich weisen. Deswegen wollten wir eher in die Tiefe gehen bei den Interviews.

J.: Im Anschluss haben wir dann auch noch andere Fans in Gruppengesprächen befragt, um hier eine Vergleichsebene aufzubauen.

Weiter auf Seite 2: „Die Kenntnisse der Ultras sind sehr viel fundierter“

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