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Hintergründe

„Die Dynamo-Fanszene ist heterogener, als sie von außen oft wahrgenommen wird“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 15. Juni 2015
210315 Dresden Fußball 3. Bundesliga Männer 30. Spieltag Dynamo Dresden - Hallescher FC HFC Endstand 2:3 Einmarsch Mannschaften Dynamo Fans Kulisse

Dresden Football 3 Bundesliga Men 30 Matchday Dynamo Dresden Hall rulers FC HFC Results 2 3 Invasion Teams Dynamo supporters Backdrop Quelle: imago

Gastfreundschaft versteht man international. Dass Dynamo Dresden aber 300 Flüchtlinge zu einem Heimspiel eingeladen hatte, rief bei Anhängern des Vereins gespaltene Reaktionen hervor. Im Netz kassierte der Drittligist hunderte Kommentare, viele in der Grauzone zwischen scharfer Kritik und offener Fremdenfeindlichkeit. Allzu leicht wäre es, die Fans des Drittligisten mal wieder pauschal zwischen „Pegida“ und Stereotypen über ostdeutschen Ressentiments zu verorten. Aber dem Shitstorm blies Gegenwind entgegen.

Seit inszwischen neun Jahren arbeitet die Initiative „1953 International“ mit daran, dass Toleranz und Antirassismus im durchaus nicht immer unproblematischen Dynamo-Umfeld eine gewichtige Stimme stellen. Wir haben uns mit den Initiatoren über Etappensiege, die Antifa und die ungebrochene Faszination der SG Dynamo Dresden unterhalten.

Dynamo Dresden hat ganze 300 Flüchtlinge zum Heimspiel gegen den MSV Duisburg eingeladen – und ein Vielfaches an, vorsichtig formuliert, negativen Kommentaren dafür kassiert. Der Shitstorm hat die eigentlich positive Schlagzeile in der Außenwirkung überflügelt. Haben euch die Reaktionen in diesem Ausmaß überrascht?
Zunächst einmal ist es ein tolles Zeichen des Vereins SG Dynamo Dresden, dass sie solch eine Aktion planen und damit auch ein klares Statement setzen. Natürlich ist es zum Teil beschämend, wie schlecht informiert einige Menschen sind und sich dennoch nicht zu schade sind, dieses Unwissen auch noch öffentlich darzustellen. Auch die vielen Ängste, die auf Flüchtlinge projeziert werden bis hin zu offenem Rassismus, der zur Schau getragen wird, stellen gerade kein gutes Bild von Dynamo-Fans dar. Allerdings haben uns auch die vielen Gegenreaktionen wiederum Mut gemacht, was zeigt, dass die Dynamo-Fanszene doch heterogener ist, als sie von außen oft wahrgenommen wird.

Habt ihr in solchen Momenten schon einmal eine „Identitätskrise“ als Dynamo-Fans durchgemacht? Immerhin manifestiert sich so in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild, dass zumindest ein nicht ganz unerheblicher Teil der Dynamo-Fans den Inhalten von beispielsweise „Pegida“ durchaus nahesteht. Mit diesem Klischee könnt ihr euch wohl nur schwer identifizieren.
Identitätskrisen liegen uns fern. Gerade weil wir Dynamo-Fans sind und uns einige Dinge im Umfeld sauer aufgestoßen sind, haben wir 2006 beschlossen, die Probleme anzugehen und als Dynamo-Fans in der Fanszene aktiv zu werden. Dies machen wir nach wie vor und mittlerweile schon seit neun Jahren.

Wie sind die Reaktionen auf eure Arbeit? Kann man von einem grundsätzlichen Konsens im Stadion sprechen?
Einen grundsätzlichen Konsens im weitesten Sinne stellt vielleicht die Fancharta dar. Darin heißt es: „Der Verein SG Dynamo Dresden und die Fans stehen aktiv gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung (aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, religiöser und sexueller Orientierungen sowie körperlicher und geistiger Beeinträchtigung) innerhalb und außerhalb des Stadions ein.“ Dass dies nicht immer nach unseren Vorstellungen umgesetzt wird, ist in unserem Verein mit vielfältiger und vor allem überregionaler Anhängerschaft nun einmal Realität. Das Feedback auf unsere Arbeit ist natürlich genauso durchmischt wie die Fanszene der SGD. Von Zustimmung und großem Lob über Beleidigungen und Ablehnung ist alles dabei. Generell bekommen wir aber von vielen verschiedenen Seiten positive Reaktionen, einige schreiben sogar, dass sie wegen uns wieder gern zu Dynamo gehen und froh sind, dass es Menschen wie uns gibt, die aktiv gegen Diskriminierung arbeiten.

Der Verein hat sich merklich schwer damit getan, sich gegen „Pegida“ zu positionieren. Dresden galt und gilt ja noch immer als Epizentrum der Bewegung. Habt ihr Verständnis dafür, dass die SGD den Teil der Fans, der mit der Bewegung sympathisiert nicht verprellen möchte oder hättet ihr euch mehr Mut und eine klare Haltung in dieser Frage gewünscht?
Der Hauptgrund, warum sich der Verein nicht klarer von Pegida abgegrenzt hat, ist in der Vereinssatzung zu suchen, in der politisches Engagement ausgeschlossen wird. Eine Positionierung in dieser politischen Auseinandersetzung könnte einen Konflikt mit der Vereinssatzung heraufbeschwören. Allerdings bezieht der Verein regelmäßig Stellung für Weltoffenheit. Dies wird aber medial nicht so stark rezipiert. Als nur zwei Beispiele von mehreren sind hier der 13. Februar (Jahrestag der Bombardierung Dresdens im 2. Weltkrieg) und der SGD-Preis (SGD steht hier für „Stark Gegen Diskriminierung“) zu nennen, der jährlich an eine zivilgesellschaftliche Initiative verliehen wird. In diesem Jahr heißt der Preisträger „Buntes Radebeul“. Dies ist ein ehrenamtlich getragener Verein, der aktiv geflüchtete Menschen und Asylsuchende unterstützt und Begegnungen organisiert.

Eure Initiative besteht seit 2006. Rassistische Ausfälle in einem Spiel gegen Siegen sollen ursächliche Motivation für euer Engagement gewesen sein. Was ist dort vorgefallen und wie lange Zeit verging von der Idee bis zur Gründung eurer Initative?
Die Vorfälle beim Spiel gegen Siegen waren lautstarke „UhUhUh-Rufe“, wenn dunkelhäutige Spieler der Sportfreunde Siegen am Ball waren. Das Spiel fand Ende Februar statt und Anfang Mai haben wir uns als antirassistische Faninitiative 1953international zusammengeschlossen. Das hat also gut zwei Monate gedauert.

Wie viele Menschen sind inzwischen bei euch aktiv?
Wir sind viele, rechnet mit uns.

Rekrutiert ihr euch aus bestimmten Fanclubs oder gibt es Überschneidungen mit verschiedenen Fangruppierungen?
Wir sind ein loser Zusammenschluss von Dynamo-Fans, die teilweise in anderen Fangruppierungen aktiv sind bzw. waren oder auch vorher keiner anderen Gruppierung angehört haben.

Im nächsten Jahr feiert ihr Zehnjähriges. Was habt ihr seitdem erreicht?
Wir haben in der Dresdner Fangemeinde und im Verein eine stärkere Sensibilisierung für das Thema Rassismus erreicht, einige Aktionen erfolgreich durchgeführt und mitunter andere Protagonisten aktiviert. Doch schon allein weil stets neue Fans nachwachsen und die sächsischen Verhältnisse keine einfachen sind, bleibt für uns der Weg das Ziel.

Kann man ungefähr beziffern, wie viel Arbeit ihr im Monat in euer Projekt steckt?
Da jeder von uns unterschiedliche Themen beackert und auch persönlich verschieden eingebunden ist, kann man das nicht genau sagen.

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Wann könntet ihr den Laden im besten Fall abschließen – also was würdet ihr euch als ideales Vereins- und Stadionleben vorstellen?
Sobald es allen Beteiligten im Stadion völlig egal ist, woher man kommt, wie man aussieht, welches Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religion man hat. Wenn dies alles keine Rolle mehr spielt, wären wir theoretisch überflüssig. Da Rassismus und andere menschenfeindliche Einstellungen jedoch strukturelle Probleme sind, welche sich nicht nur auf Dynamo beschränken, sondern zum Teil tief in der Gesellschaft verankert sind, wird dieser Fall wohl nie eintreten. Es wird mit Sicherheit auch noch in zehn Jahren nötig sein, auf diese Probleme hinzuweisen und etwas dagegen zu tun.

 

„Wie der Sport in den letzten zehn Jahren weiter ökonomisiert wurde und sich von der Basis entfernt hat, ist mitunter gruselig“

Auf einer Skala von 1 (Wir können uns mit dem Verein nicht mehr identifizieren) bis 10 (Eure Idealvorstellung von Vereinsleben und Stadionerlebnis): Wo stand Dynamo 2006 und wo steht Dynamo heute?
Da gehen die Einschätzungen sehr weit auseinander. Dabei sind menschenverachtende Verhaltensweisen nur ein Aspekt. Wie der Sport in den letzten zehn Jahren weiter ökonomisiert wurde und sich von der Basis entfernt hat, ist mitunter gruselig. Da haben wir es bei einem mitgliedergeführten Verein wie Dynamo vielleicht noch etwas besser als manch anderer aber die zu schluckenden Kröten sind schon teilweise enorm groß.

Ihr werdet mit euren Inhalten nicht ausschließlich auf Gegenliebe stoßen. Gab und gibt es schon ernsthafte Anfeindungen und wie ist der Rückhalt von Vereinsseite?
Mittlerweile unterstützt uns der Verein. Spätestens seit unserem Geschäftsführer Volker Oppitz steht das Thema auch beim Verein auf der Tagesordnung. Und die Flüchtlingsaktionen, welche wir bereits seit 2012 durchführen, wären ohne die Unterstützung des Vereins so auch nicht möglich gewesen. Es gab Pöbeleien von irgendwelchen Internet-Helden aber dies ist für uns eher Ansporn als Rückschlag.

Habt ihr schon mal Angst gehabt oder sogar überlegt, euch zurückzuziehen?
Nein.

„Politik gehört nicht ins Stadion“ – warum ist das Unsinn?
Weil Politik überall dort gemacht wird, wo Menschen zusammen kommen und ihr Zusammenleben aushandeln müssen und wollen. Allerdings geht es uns weder um Parteipolitik noch in erster Linie um Vereinspolitik, sondern einfach um zivilisatorische Mindeststandards.

Als Feindbild und Gegenentwurf zum Rechtsextremismus wird von vielen einschlägigen Personen und Gruppen vor allem die „Antifa“ ins Feld geführt. Wie steht ihr zu der Bewegung und gibt es im Dynamo-Stadion Antifa-Aktivisten, die sich als solche zu erkennen geben?
Wie du schon sagtest, dadurch dass jeder unter dem Begriff „Antifa“ etwas anderes versteht und dieser nicht klar definiert ist, werden wir ihn nicht benutzen. Der Begriff wird mittlerweile als Kampfbegriff so inflationär gebraucht, dass eine klare Definition nicht möglich ist. Auch der zweite Teil deiner Frage bezieht sich ja auf diesen Begriff. Nur so viel: ich habe noch nie jemanden mit Roter Fahne oder Antifa-Nicki in unserem Stadion gesehen, Neonazis mit T-Shirts von Rechtsrockbands oder eindeutigen Sprüchen dagegen schon…

Seriös lässt sich das nicht beziffern, aber mal in Gefühl: Wie viel Prozent im Stadion stehen hinter euren Idealen?
Auch diese Frage lässt sich nicht beantworten und ist wahrscheinlich auch „tagesabhängig“. Es gab in der Vergangenheit Spiele wie das, nachdem unser Spieler Mickael Poté in Chemnitz mit Affenlauten beleidigt wurde, wo sich das Stadion demonstrativ hinter ihn stellte, ihn als Fußballgott feierte und ihm so ein Gefühl der Solidarität vermittelte. Dagegen gab es elf Monate zuvor beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt wahrnehmbar rassistische und antisemitische Rufe, dass man sich als antirassistisch denkender Dynamo-Fan schlichtweg schämen konnte.

 

„Offener Neonazismus mittlerweile keine Chance mehr in deutschen Stadien“

Nicht zuletzt durch die Ultra-Bewegung herrscht inzwischen in vielen deutschen Stadien bei großen Teilen der Fans ein breiter antirassistischer und antidiskriminierender Konsens. Affenlaute oder Bananenwürfe wie selbst in den 90ern noch weit verbreitet, sind heute kaum mehr vorstellbar. Auch gegen homophobe und sexistische Sprüche sind viele sensibilisiert. Würdet ihr die Entwicklung der letzten Jahre vereinsübergreifend als positiv bezeichnen oder erkennt ihr durch zumindest fußballnahe Bewegungen wie etwa „HoGeSa“ sogar eher wieder einen Schwenk in die Gegenrichtung?
Wie es in anderen Städten und Vereinen genau aussieht, können und wollen wir nicht beurteilen. Jedoch fällt schon auf, dass offener Neonazismus mittlerweile keine Chance mehr in deutschen Stadien hat. Wenn man Bilder aus den frühen 90ern sieht, wo die Reichskriegsfahne vor so gut wie jedem Block hing, so muss man feststellen, dass sich da schon viel zum Positiven gewandelt hat. Ob oder wie die Ultras, die zunehmende Kommerzialisierung und der Wandel hin zur bürgerlichen Mitte, die Fanprojekte oder eine veränderte Sensibilisierung der Vereine daran einen Anteil haben, lässt sich auch für uns nicht genau sagen. Vermutlich ist es ein Mix aus allem. Es ist insgesamt eine positive Entwicklung zu konstatieren. Allerdings geht es nicht konstant voran, sondern in Wellenbewegungen, sodass man manchmal auch (gefühlte) Rückschläge hinnehmen muss.

Warum ist Dynamo der geilste Klub der Welt – und was muss sich noch ändern, damit das auch so bleibt?
Ob Dynamo der „geilste Klub“ ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist es unser Klub, der uns mit seiner Fanmasse und -klasse, mit seinem Wechsel zwischen Genie und Wahnsinn sowie weiteren Spannungsfeldern wie der Gratwanderung als basisnaher Mitgliederverein im enthemmten Profigeschäft, nach wie vor fasziniert. Wenn man die Ideen und das Engagement vieler Gruppen und Personen betrachtet – ob Schuldentilgung, Zukunft Dynamo, FDGB-Pokal, Geistertickets, Brustsponsor oder zuletzt „Großaspach macht die Hütte voll“ – hat man einfach Bock auf unsere Sportgemeinschaft.

6 Responses to “„Die Dynamo-Fanszene ist heterogener, als sie von außen oft wahrgenommen wird“”

  1. AntiMann sagt:

    Solche Linken Gutmenschen brauchts in keinem Stadion, ihr welche Politik ins Stadion bringt macht den Fussball kabutt! Dynamo bleibt stabil!

    • @AntiMann sagt:

      Und genau wegen solchen Leuten, braucht es eben doch ab und zu Politik im Stadion.
      Das hat nix mit Gutmenschen zu tun, sondern lediglich mit Achtung der Menschenwürde!

      P.S.: Nächste Mal liest du nochmal korrektur! 😉

    • fcsp_1988 sagt:

      grade wegen solch engstirnigen typen wie dir, braucht es einen gegenpart.

    • Wörn sagt:

      Mein lieber AntiMann ( oder soll ich lieber Lutz sagen ? ),
      definiere doch bitte mal „linker Gutmensch“.
      Ist Protest gegen RB, DFL und DFB etwa keine Politik ? Sind die Ultras in den Kurven, die solche Organisieren etwa auch alle linke Gutmenschen ?

  2. Hans sagt:

    dortmund, essen, düsseldorf… viel schlimmer. aber kein „böser“ osten. 😉

  3. baxter sagt:

    Gutmensch hin oder her. Ihr seid einfach nur Ossis die seit Jahren durch den Soli aufgepäppelt werdet. Werdet mal erwachsen und übernehmt Verantwortung!

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