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Hintergründe

Das große Interview mit Fanforscher Jonas Gabler – TEIL I

Autor: Kim Heeß Veröffentlicht: 28. Dezember 2014
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2014 war auch aus der Sicht der Fanszenen ein Jahr mit vielen positiven wie negativen Höhepunkten. So schlägt der Aufstieg von RB Leipzig große Wellen, Ultras aus u.a. Hannover und Hamburg boykottieren die Profimannschaften ihres Vereins und die HoGeSa-Bewegung gewinnt nicht nur an medialer Präsenz. Wir haben mit Jonas Gabler, Politologe, Buchautor und Fanforscher über die Geschehnisse und Entwicklungen in den Fanszenen gesprochen.

Jonas, du bist Fanforscher und hast deine Diplomarbeit sowie ein Buch dem Thema „Ultras“ gewidmet. Außerdem bist du an der Uni Hannover in der Kompetenzgruppe „Fankulturen und sportbezogene soziale Arbeit“. Wie kommt man als Politikwissenschaftler zu diesem Themengebiet? 

Wie viele, die sich damit wissenschaftlich beschäftigen, habe ich natürlich ein gewisses Maß Interesse am Sport und am Ereignis Fußball im Stadion. Ich gehe seit etwas mehr als zehn Jahren regelmäßig ins Stadion, nicht organisiert als Ultra, sondern mit meinem Freundeskreis. Mit meinen Leuten stand ich schon häufig in der Kurve.

Ein Forschungsinteresse entstand, als ich 2004/05 für ein Auslandssemester in Italien war – beim Spiel Inter Mailand gegen Sampdoria Genua, eines der spektakulärsten Spiele, die ich je gesehen habe, da Sampdoria bis kurz vor Schluss 2:0 führte und Inter in der 88., 91. und 94. Minute die Tore zum 3:2-Sieg schoss. Politisch hat mich an diesem Spiel interessiert, dass in der Nordkurve der Mailänder zwei Banner hingen, die folgende Geschichte zur Grundlage hatten: Paolo di Canio (Lazio Rom) hatte am Wochenende zuvor zwei Tore im Derby gegen AS Rom geschossen und diese mit dem „römischen Gruß“ gefeiert, der bei uns „Hitlergruß“ genannt wird. Nun wurde di Canio von den Inter-Fans mit den Spruchbändern „Ave di Canio, Mailand grüßt dich!“ und „Ehre di Canio“ gefeiert. Ich war darüber entsetzt, dass Spruchbänder für einen bekennenden Faschisten dort zur Schau gestellt werden konnten, ohne dass es thematisiert, geschweige denn entfernt oder verboten wurde.

Paolo di Canio zeigt den "römischen Gruß" 2006

Quelle: imago

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Paolo di Canio zeigt den „römischen Gruß“ 2006

So kamen mir Gedanken, wie sich der Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus veränderte, denn ich wusste, dass es in Deutschland auch Zeiten gab, in denen rechtsextreme Symbole in den Stadien präsent waren.

Als ich drei Jahre später meine Diplomarbeit anmelden wollte, kam dieses Thema für mich direkt in Frage: Warum tauchen rechtsextreme Symbole in einer Fankurve auf, wie wird in einer Gesellschaft damit umgegangen und welche Faktoren begünstigen und behindern dies?

Als ich die Arbeit dann vollendet hatte und es um die Veröffentlichung ging, trat ein Verlag an mich heran, der die Diplomarbeit gerne publizieren wollte, jedoch ein komplettes Buch zu diesem Thema als weitaus interessanter empfand. Daraus entstand mein Buch „Die Ultras“, das ein populärwissenschaftliches Buch werden und dem „normalen“ Menschen die Fan- und Ultra-Kultur näher bringen sollte. Der Unterschied zu anderen Büchern, die bis dahin zum Thema Ultras erschienen waren, war, dass es keine konkrete Fragestellung gab oder rein wissenschaftlich geschrieben war, sondern eher einen Rundumschlag darstellte.

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Durch Einflüsse der italienischen Literatur kam auch noch eine andere Seite der Bewegung zum Vorschein. Dort wird im Gegensatz zur deutschen Literatur über das Thema nicht nur defizitorientiert geschrieben, sondern der Fokus auch darauf gelegt, dass junge Menschen zusammenkommen und welche Potenziale in diesem gesellschaftlichen Phänomen liegen. Diese Seite der Ultra-Bewegung ist meiner Meinung nach oft verschüttgegangen, da sie oft nur als gewalttätig, diskriminierend und rechtsradikal – also als Problem – dargestellt werden.

Woran forschst du derzeit und wie muss man sich die Forschungsarbeit vorstellen?

Gar nicht so einfach, das in ein paar kurzen Worten zusammenzufassen. Meine Arbeitsgruppe, die Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS) an der Uni Hannover entstand durch die Finanzierung des Wissenschaftsministeriums Niedersachsen. Von 2012 bis Anfang nächsten Jahres haben wir eine Anschubsfinanzierung erhalten, um uns zu etablieren. Dies soll uns gelingen, indem wir Drittmittelprojekte an Land ziehen. Das heißt, wir müssen an Vereine und Verbände herantreten, die uns Aufträge geben. Das Problem ist, dass es sich dabei meistens nicht um langfristige Projekte handelt. Wir sind noch auf der Suche nach langfristigen Forschungs- oder Beratungsprojekten, die uns auch über das nächste Jahr hinaus über Wasser halten können.

Einer unserer bisherigen Schwerpunkte ist das Thema Dialog zwischen Fans und Verein. Denn Dialog ist nicht gleich Dialog, es geht darum Qualitätsstandards zu etablieren, damit dieser Dialog von allen Beteiligten – gerade auch den Fans – als sinnvoll erachtet wird.

Im Sommer 2012, also gerade noch während unserer Gründungsphase, ist der 1. FC Köln auf uns zugekommen und hat uns gebeten, den Dialog zwischen dem Verein und der organisierten Fanszene zu unterstützen, neu zu entwickeln. Das haben wir zwei Jahre lang gemacht, indem wir regelmäßige Sitzungen des vom 1. FC Köln eingerichteten AK Fankultur moderierten, um den Konfliktpartnern eine Annäherung zu ermöglichen. Außerdem war es unser Ziel, dass die Fans und der Verein miteinander kommunizieren und nicht weiterhin nebeneinander arbeiten.

Wir haben den Prozess moderiert, versucht einen Raum zu schaffen, in dem der Verein, Fanclubs und Ultras sachlich miteinander kommunizieren können. Dabei ging es darum, eine Konfliktkultur zu entwickeln, das heißt Wege zu finden mit Konflikten umzugehen, ohne dass es gleich eskaliert. Dazu gehört es, Unterschiede auszuhalten, aber andererseits auch Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und zu unterstreichen. Am wichtigsten war im Nachhinein aus meiner Sicht, dass sich soziale Beziehungen entwickelt haben, die einen anderen Umgang mit Konflikten ermöglicht und die den Fans signalisiert: „Ihr werdet wertgeschätzt!“ Das trägt zur Identifikation mit dem Verein und letztlich zu einem verantwortlicheren Verhalten der Fans gegenüber ihm bei.

Bei Borussia Dortmund, wo wir seit Mitte 2013 tätig sind und wo vor allem mein Kollege Robert Claus engagiert ist, ging es um das Thema Antidiskriminierung und Umgang mit Rechtsextremismus. Dort beraten wir den Verein, wie er sich in diesem Thema besser aufstellen kann.

Und aktuell?

Das Projekt in Dortmund läuft aktuell noch und nebenbei gibt es natürlich auch das eine oder andere kleine Projekt. Zusätzlich müssen wir aber auch weitere Projekte akquirieren, um das Fortbestehen unserer Gruppe auf Dauer zu gewährleisten.

Im Moment begleiten wir das niedersächsische Innenministerium relativ eng. Der jetzige Innenminister Boris Pistorius ist bemüht, eine eher moderate Linie in Bezug auf die Geschehnisse rund um Fußball zu verfolgen. Er hat die Kampagne „Gemeinsam fair“ gestartet. Alle niedersächsischen Vereine und der niedersächsische Verband arbeiten mit dem Ziel zusammen, einen intensiveren Austausch zwischen den Fans, Fanbeauftragten, Fanprojekten und der Polizei zu gewährleisten. Wir beraten diese Aktivitäten (im Moment noch ehrenamtlich) und werden punktuell für Projekte im Rahmen dieser Kampagne finanziert. Zum Beispiel haben wir einen polizeiinternen Workshop konzeptioniert und moderiert, bei dem sich Polizisten verschiedener Dienstgrade und Aufgabenbereiche zusammen- und auseinandersetzten, wie ein Umgang mit Fans und Fankultur besser gestaltet werden kann. Der Grundgedanke dazu war, dass die Auseinandersetzung zu diesem Thema sonst meistens aus einer Art „Schützengrabenperspektive“ abläuft, d.h. wenn ein Gegner da ist, rückt man als Gruppe enger zusammen – da kommt Selbstkritik häufig zu kurz. Durch das andere Setting – Polizei muss sich intern mit der externen Kritik auseinandersetzen – kam es zu sehr überraschenden, selbstkritischen und aus meiner Sicht sehr positiven Ergebnissen.

Wir verstehen uns einerseits als Fanforscher, andererseits sind wir Berater und helfen den verschiedenen Akteuren. Und dann passiert so etwas wie „HoGeSa“ und plötzlich wollen dich alle als Experte hören.

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